POLEN (2015)

Ein Schwarzfußindianer berichtet aus dem (Fahrrad-) Sattel

Endlich Sommerferien, endlich Urlaub. Eigentlich alles super easy, denkt ihr. Aber nicht bei uns- meine Eltern wollten dieses Jahr mal wieder mit den Fahrrädern in den Urlaub. Allein die Packerei. Erst durfte ich mein eigenes Fahrrad gar nicht mitnehmen, angeblich wären da die Etappen zu lang, ich zu langsam und Gepäck könnte ich da auch nicht mitnehmen. Pah – dabei bin ich schon dreieinhalb und fahre auf meinem 16 Zoll Sharky Kinderrad prima geradeaus. Gut, Kurven und Anfahren haben so ihre gravitavien Tücken, aber… Es war nicht verhandelbar. Na gut, dann mussten sie eben mich samt gepolstertem Sitz, Helm und Spielzeugbeutel, inklusive meiner Klamotten, Lieblingsbücher, dem obligatorischen Einschlaf-Kuschelraben, Schlafsack und Essbesteck in Miniformat am eigenen Rad umherzotteln. Nachher waren da so viele Taschen, dass ich die Fahrräder selbst gar nicht mehr sehen konnte. Also machte ich es mir auf meinem Thron bequem und ab ging die Reise ins Ungewisse.

Es ging übrigens nach Polen. Was oder wer oder wo das ist, ich hatte keine Ahnung. Aber nach zwei Tagen durch den südlichen Spreewald, wo es ziemlich viele Klapperstörche gab, wurde das Rätsel gelöst. Polen ist ein Ort! Ein ziemlich großer sogar, denn wir fuhren drei Wochen lang darin hin- und her. Außerdem war da viel Wald, mit Rehen und Füchsen drin und sogar echten Jägern. War spannend, gerade abends, wenn wir da unser Zelt aufbauten. Noch spannender war dann, wie die mit uns redeten. Wir hatten aber leider nichts davon verstanden, denn das hat immer so gezischt. Mami und Papi haben mit den Händen gefuchtelt, sind aufgestanden und haben lustiges Theater gespielt. Die Jäger wollten aber nicht klatschen, sagten nur: „Tak, tak“. Dort sprachen also die Menschen eine andere Sprache. Eine lustige Sprache war das, ganz viele sch und zsch und dsch und ztsch, also fast ein bisschen wie in meinem Heimatdialekt. Aber das half uns nichts. Meine Eltern blamierten sich wo es nur ging, wenn sie auch so schön zischelnd sprechen wollten. Keiner hat was verstanden aber trotzdem haben alle gelacht. Ich übte lieber heimlich auf dem Rad, immer wieder leise flüsternd: Dschindobbre-Dschinkuje-Proschebartzja-Tak-Proschim-Smatschnjego-Dowidzenja. Doch sprach mich jemand auf Polnisch an, wollte ich lieber Verstecken spielen und schmulte vorsichtig zwischen Papis Knien hindurch. Die Polen zeigten sich als ein sehr kinderfreundliches Völkchen, bekam ich aufgrund meiner infantilen, nonverbalen Respektsbekundung auf ihre so schön fremdklingenden rundgelutschten Konsonantenberge immer Unmengen von Bonbons geschenkt. Eine prima Taktik, vielleicht sollte ich generell erstmal trotzig schweigen wenn mich jemand anspricht. Schweigen und abwarten, zuerst die Karamellen. Quasi um die Zunge zu lockern. Was mir genauso gut gefiel: in jeder Dorfmitte gab es in Polen einen tollen Spielplatz. Mit Trampolinen, Schaukeln, Rutschen, Reifen, Kletterwand, Buddelkasten, allem Pipapo. Daneben gab es immer eine Sklep, manchmal sogar zwei. Das ist ein Laden wo Lody, Tschekolady, Gofry und Lollis verkauft oder verschenkt werden. Meine Eltern wollten da nicht immer genug Eis, Schoki oder Waffeln kaufen. Lieber Nebensächlichkeiten wie Brot, Obst, Milch und so Zeugs. Da gab es dann manchmal ein bisschen Streit und ich musste, Familienurlaub hin oder her, mit ihnen schimpfen. Manchmal gab es im Sklep auch Tapeten, Seife, Klappspaten, Tütensuppen oder Benzin. Brauchten wir aber alles nicht, nur der Klappspaten, den im Sklep zu lassen war wirklich schade. Schließlich waren wir doch auf dem Weg zu einem riesen Buddelkasten und Wasser. Jeden Tag fragte ich, ob wir denn nun endlich an der Ostsee sind. Hat trotz der vielen Fragerei ganz schön lang gedauert. Wie Schnecken mit ihren Häuschen reisen wir, hatten sie mir da erklärt. Unser Häuschen war zum Auseinanderbauen und ganz kuschelig klein. Wenn man eine Sardinenbüchse aufmacht und reinschaut wie die Sardinen ganz eng nebeneinander liegen, so sah das bei uns auch aus. Papi mussten wir umdrehen, sein Kopf passte nur noch an Mamis Füße. So hatte ich genügend Platz meinen Bücherbeutel auszubreiten, Schattentheater mit der Stirnlampe zu spielen und im Schlaf beide Arme bequem seitlich auszubreiten. Also wie zuhause auch.

Zeltaufbauen hatte ich schnell gelernt, Stäbchen zusammen, dann die Heringe in den Waldboden. Eigentlich sind das doch Nägel, aber das fiel mir schon mal auf, dass die Erwachsenen gerne Namen für Dinge nehmen, die dann keiner mehr versteht. Würde ich daheim die Fische aus dem Aquarium nehmen und in den Boden stecken, ich bekäme bestimmt mächtig Ärger. Manchmal haben die Heringe nicht in den Boden gepasst, da hatte ich sie ins Gras gelegt, im Sand verbuddelt oder ins Gebüsch geschmissen. War nicht richtig, haben sie erst lange gesucht, dann geschimpft. Da half ich lieber an den Packtaschen mit und hatte erstmal alles ausgeräumt. Wurde mir ja mal so erklärt: Alles was in unseren Taschen ist, sei sehr wichtig für uns. Aber alles auf dem Waldboden verstreuen, war auch wieder nicht richtig. Also erbettelte ich mir mein Kinderbier um es mir bei der Käferjagd auf meiner Isomatte, das war mein faltbares Gummibettchen, bequem zu machen. Kinderbier ist Spinnenwasser, das super im Mund rumkribbelt, in Neongrün oder Schlumpfblau und mit Kaugummigeschmack. Lecker sage ich euch.

Mit unserem Schneckenhäuschen schliefen wir jede Nacht in einem anderen Wald. Das war schon ein bißchen aufregend, wenn dann mal die Rehe auf der Wiese bellten oder ein Wildschwein im Dunkeln vorbeigrunzte. Aber eine Spinne im Zelt, das war der absolute Thrill und sorgte manches Mal für kleine Schreikrämpfe. Manchmal saßen wir auch beim Abendbrot auf einer Ameisenstrasse, nur ganz kurz aber. Ein Waschbecken hatten wir nicht mitgenommen, also konnte ich meine Zahnpasta einfach auf die Brennnessel spucken. Die Toilette versteckten wir in einem Gebüsch, Dusche oder Badewanne gab es da zum Glück nicht. Kürzeres Waschen bedeutete ja mehr Zeit für die Gute-Nacht-Geschichte.

Meistens begleitete uns prima Sonnenschein auf der Fahrt. gab es jedoch nicht genügend Gegenwind, versuchten meine Eltern durch schnelleres Strampeln mehr kühlen Fahrtwind zu erhaschen. Ich dagegen ließ mein Kleidchen in der schwülen Brise flattern und entspannte mich auf dem Rücksitz unseres einspurigen Cabrios beim Bücher blättern, Kekse knuspern und Liedchen trällern. Hungrig, durstig und erschöpft von der Schwitzehitze flüchteten meine Eltern zu den Mittagspausen in den Schatten der Dorfeichen. Dort, zwischen Sklep und Spielplatz, stillten meine Eltern ihren Vitaminhunger mittels Krautsalat. Zu kraftlos für längere pädagogische Diskussionen waren sie schnell mit mir einer Meinung, dass in Lody auch Vitamine stecken. Und dass das Eis auch dazu taugt, meine Körperkerntemperatur wieder auf ein gesundes Maß zu senken. Am besten mundeten die leuchtend blauen oder grünen Wassereissorten, die so fantastisch giftig-künstlich schmecken wie sie aussehen. Noch zwei weitere neue Leibgerichte lernte ich in Polen kennen und schätzen: Riesenschalen leckere Frytki, dazu Ketchup-Mayonnaiseportionen in Suppenschalengröße. Zur Abwechslung akzeptierte ich gern auch mal Eierkuchen mit dick Nutella drin, Schlagsahne und viel Erdbeersirup obenauf.

Wir pedalierten durch viele Dörfchen, holperten über viel Kopfsteinpflaster, schliefen in vielen Waldstücken und lutschten Unmengen von Eis zur Kühlung bis wir endlich doch noch die Ostsee erreichten. Nun war es auch endlich nicht mehr so heiß, sondern es wurde kühl, sehr stürmisch und regnerisch. Dick eingemummelt buddelte ich verbissen eine Sandburg in den Sturm, die sah am Ende so aus wie die Riesenwanderdüne in Leba. Aber Campen bei Dauerregen und kühlen 12 Grad Tageshöchsttemperatur hatte einen Riesenvorteil. Nun konnten wir drei den ganzen Tag wirklich absolut alles im Zelt machen: picknicken, spielen, umziehen, lesen, malen und schlafen. Meinen Eltern fiel schnell das dünne Zeltdach auf den Kopf. Also wurden sie sehr freigiebig mit der Urlaubskasse und spendierten extensive Ausflüge ins Spielecenter, zum Kling-Klong-Scheibenpingpong, auf den Rummel mit der Kinderachterbahn und in den Zirkus. Bis meine Eltern behaupten, nun wirklich keine Sloty mehr zu haben. Ich verzeihe ihnen diese offensichtliche Notlüge, schließlich will ich mein Erbe nicht schon zu ihren Lebzeiten verprassen.

Gerade als wir alle Dauercamper auf dem Zeltplatz am etwas überfüllten Ostseeferienort mit Vornamen kennengelernt hatten, wurde es Zeit die Heimreise anzutreten. Die Straßen quer durch Pommern, die Kaschubische Schweiz und Teile Wielkopolskas waren manchmal so rumpelig vom Kopfsteinpflaster, dass ich nicht ein einziges Pixie-Büchlein in Ruhe lesen konnte. Nach drei Tagen Fahrt wurde die Stimmung meiner Mitfahrer ähnlich holprig wie das hiesige Strassenprofil. Bei Steigungen waren meine Anfeuerungen und meine Armkraft besonders gefragt. Immer wenn es mir zu langsam ging, drückte ich an Papis Po von hinten schiebend nach, notfalls auch mal mit den Füßen. Manchmal wurde dann schnell gefahren, manchmal auch schnell geschimpft. Aber es reichte nicht, Papi und ich waren zu langsam. Also lotste uns Mami zur Statcja PKP. An polnischen Bahnhöfen gab es keine ebenerdigen Übergänge. Man konnte dafür den Ausblick über die Gleise von zweistöckigen Fußgängerbrücken genießen. Mami und Papi wollten den aber nicht genießen, sondern wuchteten die 40kg schweren Packeselräder treppauf treppab. Ich übernahm als Wasserträger die Radflaschen. Wir hatten großes Glück mit unserem Zug. Daheim hatte ich so einen schon mal im Eisenbahnmuseum angeschaut, hier durfte ich nun sogar mal damit fahren. Auf den Sitzpolstern ist noch echtes Kunstleder, Rotglänzend oder großflächig abgewetzt juckte es an den Unterarmen bzw. klebte am Po. In der Toilette gab es spannende Fußkippschalter. Beim Rauftreten öffnete sich das Klo so weit, dass ich mir die durchrasenden Schienen angucken und Unmengen von Wasser hinterher schicken konnte. Die Blümchen zwischen den Bahnschwellen hat der unverhoffte Regen sicherlich gefreut.

Ratzfatz waren wir so in Küstrin. Ich erkannte die Sprache sofort wieder und mussten die allerletzten Sloty in Kabanossi und Eis umsetzen. Obwohl ich deutlich etwas Heimweh nach meinem Spielzimmer und dessen Schätzen bekundete, ließen sich meine Erzeuger Zeit bei der Heimreise. Denen setzte die Hitze, der Wind und die Strecke etwas zu. Trotz meinem Anfeuern, Schieben, Treten und Jammern schafften sie bei über 40 Grad Celsius nur noch um die 70km am Tag. Ich hoffte tagtäglich inständig, dass sich dieses Verhältnis nicht noch umkehren möge. Eines Abends hatten sie trotz acht knalleheißen Sonnenstunden auf dem Scheitel eine richtig gute Idee. Wir zelteten neben einem Freibad und lagen bis 20Uhr in den kühlen Fluten. So abgecoolt musste ich sie nur noch zwei Tage ein bisschen anfeuern und sie fuhren fast wie von allein nach Leipzig zurück. Nach reichlich drei Wochen, 17 Fahrtagen und genau 1.000km auf dem Radtacho bogen wir in die Straße unterhalb meines Spielzimmers ein. Erleichterte machte ich dort sicherheitshalber erstmal Schnellinventur – alles war noch da. Für unser Zelt war im Schlafzimmer leider kein Platz, dabei hatte ich mich so an unsere Höhle gewöhnt und hätte gern die Heringe in die Bettritzen geklemmt.

Ich kann euch so einen Reiseradelurlaub jedenfalls nur empfehlen. Selten kann man so viele Käfer sammeln, durch hohe Wiesen toben, Traumzauberbäume am Straßenrand entdecken, so viele verschiedene Spielplätze ausprobieren und bekommt von fremden Menschen so viele Bonbons geschenkt. Achtet aber vorher darauf, dass eure Eltern einigermaßen belastungsresistent sind, etwas Hornhaut am Po haben, nehmt genügend Bücher und viel Geld für Eis mit, dann kann nix schiefgehen!

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