MÜNCHEN – LEIPZIG (2009)

12. September 2009: An einem sommerlich warmen Samstagnachmittag brechen wir endlich wieder auf. Die Radl sind bepackt und schwanken in den ersten Minuten wieder schwerfällig unter uns. Doch schon bald finden wir unseren Tritt und Fahrtrhythmus, so erreichen wir auf gut vertrauten Wegen die wunderschöne Domstadt Freising.
Auf der B301, nördlich von Freising auch "Deutsche Hopfenstrasse" getauft, pedalieren wir zwischen endlosen Hopfenfeldern durch die hügelige Landschaft. Malerische Ortschaften wie Hallertau und Mainburg liegen hinter uns als wir uns nach 67km gegen 18h ein romantisches Feldlager am Dürnbucher Forst suchen.

Auch der Sonntag verwöhnt uns mit Sonne satt. Vormittags passieren wir Abensberg, einen Ort mit viel mittelalterlicher Bausubstanz und historischer Stadtmauer, das unmittelbare Kontrastprogramm hier bietet der fast fertiggestellte Brauereiturm a la Hundertwasser. In Kehlheim rasten wir, hier beginnt für uns auch der Altmühltalradwanderweg. Auf 90 Kilometern an diesem Tag ist das eine kiesig-staubige Angelegenheit durch das weitläufige Tal der Altmühl, vorbei an Riedenburg, Dietfurt, Beilngries bis Badanhausen.

Am 14. September ist das Wochenende vorbei und alle müssen wieder arbeiten gehen, bzw. fahren, was von uns nicht unbemerkt bleibt, weichen wir doch nach ruhigen Kilometern auf der Ironman Strecke (Kinding, Greding, Hilpoltstein, Roth) teilweise auf Bundesstrassen aus. Was das Ganze zusätzlich etwas ungemütlich macht ist der abrupte Wetterumschwung. Es regnet sich ein, der Wind zottelt an uns und den schweren Rädern und wir kühlen ziemlich aus.
Fast 90km lang quälen wir uns gegen die Elemente, motiviert nur durch zwei lange Kaffeepausen und die Aussicht auf ein warmes Bett am Abend. Wir sind bei Freunden in Seukendorf nahe Führt eingeladen und klingeln dort nachmittags mit steifen Fingern. Eine heiße Dusche und ein Kaminfeuer stellen uns rasch wieder her, so genießen wir den geselligen Abend und danken für die Gastfreundschaft, denn jeder weiß das Reiseradler nicht nur oft naß sondern auch schmutzig und sehr hungrig sind!

Am Dienstag ist es immer noch etwas klamm, auch fahrttechnisch bleiben wir zwischen den Wassern, denn der Radweg führt uns zwischen Regnitz und Main-Donaukanal nach Erlangen und Forchheim.
Auf der Burgenstraße biegen wir hier in nordöstlicher Richtung in den Naturpark Fränkische Schweiz. Oft wird auch das Wetter wieder etwas schöner wenn die Landschaft schöner wird, auch in diesem Fall scheint diese Binsenwahrheit zu stimmen, denn es zeigen sich zunehmend hellblaue Fetzen am bayrischen bzw. fränkischen Himmel. Ebermannstadt, Heiligenstadt, Königsfeld: hier schlagen wir nach 75km unser Zelt in einer versteckten Waldlichtung auf einer Bergkuppe auf.

16. September: Der Mittwoch beginnt wie der Vortag endete. Wir sind immer noch in romantischer Mittelgebirgslandschaft und die Aussicht nach oben berechtigt Hoffnungen auf etwas Sonne. Viel Wind von vorn gibt es schließlich schon die ganze Zeit und dieser wird sich als bleibende Konstante herausstellen. Wir queren die A70 auf dem Weg nach Weismain, genießen die mitunter recht steilen Abfahrten nach Burgkunstadt, Küps und Kronach, haben dann aber auch wieder viel Zeit für die Betrachtung der Flora und Fauna links und rechts der Straße wenn wir uns auf einer der Rampen zur nächsten Ortschaft hinauf quälen. In Kronach gibt's es die altbewährte Radlernahrung, ansonsten ist nicht viel los, also sehen wir zu dass wir Land gewinnen.
Im Haßlachtal gibt es nicht allzu viele Alternativen für die Wegführung nach Norden. Bundesstraße, LKWs, Zuglinien, ICEs und wir quetschen uns allesamt in das hochfrequentierte Tal. Für die landschaftlichen Schönheiten der sogenannten "Bier- und Burgenstrasse" fehlt uns auf der B85 einfach der Blick. Zum einen geht es zwei Stunden lang nur bergauf, ob des fehlenden Standstreifens fahren wir recht konzentriert im Konvoi und mit zunehmender Höhe verdichtet sich der plötzlich aufkommende Nebel. Nach Gipfelpassierung, zugegebener Maßen decken wir uns oben in einem Tankstellenshop mit einem Grog ein, sieht man wirklich kaum noch die Hand vor Augen. Hinter Ludwigstadt suchen wir eine Schlafgelegenheit, es ist spät, kalt und wir sind mehr als 80km gefahren. Wo genau diese Schlafstatt nun ist wissen wir wegen der miserablen Sichtverhältnisse bis heute nicht, denn auch am nächsten Morgen hatte sich die dicke Nebeldicke keinen Deut gelockert.

Es ist inzwischen Donnerstag und heute wird das Frühstücksbuffet wegen des Nieselregens in eine Bushaltestelle verlegt. Das gesellschaftliche Rahmenprogramm außerhalb unserer okkupierten Speisestätte nimmt es locker mit jeder Dokusoap bei den Privatsendern auf, alles aber live, garantiert echt und in Farbe, wir haben zu dieser frühen Morgenstunde wirklich Spaß beim Beobachten von unserem Blechbänkchen aus. Nach einem warmen Haferschälchen geht's es weiter auf der B85, wir passieren die ehemalige deutsch-deutsche Grenze und kommen vom Frankenwald in den Thüringerwald. In Saalfeld gibt es ein zweites Frühstück, wir freuen uns auf das nahende Sachsenland und beißen kraftvoll in den heimischen Boskop.
Bis nach Hause sind es aber noch einige Kilometer entlang der Saale, der gut ausgeschilderte Radwanderweg führt sowohl streckentechnisch- als auch landschaftlich durch sehr abwechslungsreiche Gefilde.
Beim permanenten auf- und ab sowie kreuz- und quer erblicken wir Burgen, Schlösser, bewaldete Hügel, einsame Kirchtürme und mittelalterliche Ortskerne - sehr kurzweilig. In Rudolstadt erwartet uns Schloss Heidecksburg, doch für uns ist es leider noch zu früh am Nachmittag, ein paar Kilometer gehen noch und so schlagen wir unser vorletztes Nachtlager hinter Kahla auf einer sonnig warmen Spätsommerwiese auf.

Freitag, 18. September: Wir sind schon fast in Jena und haben uns doch gerade erst auf die Radl geschwungen! Eigentlich kennen wir die Stadt inzwischen ganz gut, aber sie ist einfach viel zu schön um einfach vorbei zu fahren. Ein Kaffee und ein zweites Brötchen passen immer… Grund genug ein paar Augenblicke hier zu verweilen. Später gibt es in Camburg eine Mittagsrast, wir sind inzwischen mitten im Saale-Unstrut Weingebiet. Hier wo Demeter und Baccus wohl rauschende Fruchtbarkeitsparties gefeiert haben müssen zögern auch wir nicht lang ob dem dieserorts an zahlreichen Stellen feilgebotenen Traubentrunks. Etwas Platz ist noch im Gepäck, ein halbtrockener Weißwein mit Ananasaroma huckelt von dort an noch einige Kilometer mit uns durch die Lande um am Abend feierlich entkorkt zu werden.
Vorher besichtigen wir noch den Naumburger Dom, viel Zeit bleibt allerdings nicht, schließlich versinkt die Septembersonne beizeiten am Horizont. In den letzten Strahlen stoßen wir mit unserem edlen Traubensaft auf den heiligen Velocipedius an, entzünden noch ein kleines Lagerfeuer und genießen die anbrechende Nacht.

An diesem Samstag, nach genau 7 Tagen, steht die letzte Etappe an. Eine nächtliche Mückenstechattacke bringt mich um kostbare Stunden meiner Nachtruhe, ich kratze mich wach und schließlich munter. Daher plädiere ich gegenüber meinem Radlpartner dementsprechend auch für einen zeitigen Aufbruch. Durch Weißenfels, Rippach, Lützen und Markranstädt fahren wir südlich in Leipzig ein. Quer durch die Stadt haben wir die Möglichkeit uns ausgiebig umzuschauen und uns gegenseitig auf alles Neue oder auch Unveränderte aufmerksam zu machen.
Wie schön ist es wieder hier zu sein, anzukommen und dann auch die Familien in die Arme zu schließen.

Unser 620km langer Weg von Süd- nach Mitteldeutschland, von München nach Leipzig, von zu Hause in die Heimat war wieder geprägt von traumhaften Naturmomenten, erholsamen und anstrengenden Stunden auf unseren treuen Rädern, von vielschichtigen Stadtansichten und der Spontaneität, die diese Art des Reisens so faszinierend macht. Ebenso abwechslungsreich wie die Landschaften war das Wetter, nun, wir wissen es zu nehmen und sehen es sportlich, aber Handschuhe sollte man wirklich immer mitnehmen.

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