POLARKREIS ZU DEN PYRAMIDEN (2010-2011)

Deutschland-Skandinavien-Russland-Baltikum-Türkei und so weit die Räder uns tragen...

Wir haben uns seit April 2010 für ein Jahr aus dem Alltag und von unseren Familien verabschiedet, um in Europa und Asien auf die etwas unkonventionelle Art per Velo zu reisen. Dabei gibt es keine festen Pläne, Etappenziele oder Routen. Durch die Wahl eines relativ einfachen Transportmittels ist man immer in unmittelbarem Kontakt zu Land und Leuten.
In einer Form des puren, authentischen Reisens fernab vom Massentourismus, in einem Tempo welches von der eigenen Physis und Psyche bestimmt wird. Autark, unabhängig, spontan – als Selbsterfahrung im doppelten Sinne. Begleitet uns auf den Spuren unserer Pneus und werdet Teil der Sattelkarawane!"


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Neuigkeiten

01.06.2011 | DIE SATTELKARAWANE IST IM HEIMISCHEN STALL ANGEKOMMEN

Nun sind wir beinahe wieder vier Wochen zurück in Leipzig und schon fällt es aus diesem Abstand nicht ganz leicht die letzten Tage unserer Reise zu kapitulieren, erscheint uns das Erlebte manchmal wie aus einem vergangenen Leben. Da müssen wir uns beim vielen Erzählen und Berichten manchmal kneifen und fragen: Waren das tatsächlich wir? Haben wir das echt gemacht? Erlebt? Gesehen? Aber eins nach dem anderen…

Die Begegnung mit Marc in Lyon ist für uns ein erster Schritt zurück zu Bekanntem, zu Vertrautem, ein Schritt gen Heimat. Bei Besanҫon gönnen wir uns dekadenterweise sogar zum nahenden Abschied vom angenehmen Radlerland Frankreich ein richtiges Drei-Sterne Menü, es ist gar nicht so teuer wie befürchtet, verwöhnt aber unsere abgestumpften Gaumen mit raffiniertester Cuisine Franҫaise. Lachsmousse an Zucchinisoufflé, Gemüseterrine, Ofenhähnchen, Vanille-Rhabarberkuchen – so etwas geht mit Campingküche ja sonst nicht. Nachdem wir durch das noch wenig malerische weil noch winterlich graue Elsaß und Mulhouse geradelt sind wechseln wir bei Breisach auf die deutsche Rheinseite.

Zu den ersten Amtstaten gehören der Gang in die Bäckerei und den Biergarten. Fantastisch, es gibt 15 Sorten dunkles, vollkörniges Brot mit Sauerteig, welch ein Genuss nach 12 Monaten Abstinenz. Klar ist: in Deutschland gibt es einfach das beste Brot! Leider ist es im Ausland bei weitem nicht so verbreitet wie ein anderer deutscher Exportschlager: das Bier, aber auch das schmeckt bei den Frühlingshaften Temperaturen in einem originalen Biergarten unter rosa und weißen Kastanienblüten am besten.
Und in Deutschland wird geradelt - Heerscharen sind bunt gekleidet, sportlich, touristisch, pendelnd, transportierend, schnell, langsam, mit Kind und Kegel, schlicht einfach überall und in jeder Form unterwegs. Das versöhnt uns, schließlich sind die Deutschen doch eher für das hochmotorisierte Fahrvergnügen berüchtigt.

Mittelalterliche Ortschaften reihen sich am Rhein wie Museumsdörfer aneinander, eines uriger und verträumter als das nächste. Bei Karlsruhe werden wir von meiner besten Freundin in Deutschland mit einem ausgedehnten Grillpicknick empfangen, das Schöne ist das sich vieles so anfühlt als wären wir nur zwei Wochen weg gewesen und nicht 13 Monate. Nach einem Abstecher nach Worms und in die Pfalz geht es über Darmstadt, den Main, den Spessart sowie Wertheim gen ehemalige innerdeutsche Grenze. Inzwischen schlagen wir unser Nachtlager nicht mehr mitten im dichten Wald auf, zu oft gab es Schlafunterbrechungen durch nächtliche Ruhestörung: die Wildschweine haben viele Junge und randalieren da nachts zwecks Futtersuche. Einmal zogen wir uns vorsichtshalber sogar auf einen Anstand zurück, kein Vergnügen da nachts drei Stunden rumzusitzen, außer Eulen sieht man ja eh nichts, hört aber viel. Also liegen wir seit dem immer da wo auch die Rehe in aller Seelenruhe äsen, das ist dann doch gemütlicher.

Im Freiluftmuseum Behringen finden sich Relikte der Grenzanlagen, mahnend trutz der Wachturm über dem ehemaligen Todesstreifen, dem damaligen Minenfeld. Erhaltene Barkas und Bunker erinnern an die grausame Verteidigung des antifaschistischen Schutzwalles der ehemaligen DDR. Es ist Karfreitag als wir in Eisenach eintrudeln, die einzige Jugendherberge ist hoffnungslos überbelegt dabei würden wir gern Ostern hier verbringen. Da finden wir wieder einen der für uns so wichtig wie hilfreich gewordenen Engel weshalb wir dann doch irgendwie und mit viel Zauberei für drei Nächte im Dach der Jugendstilvilla unterkommen. Die hübsch wieder rausgeputzte Eisenacher Innenstadt bestaunen wir, selbstverständlich auch die Wartburg bevor wir im Thüringer Wald Ostereier suchen.

Und auf einmal ist alles zusammengeschrumpft: die verbleibende Distanz bis Leipzig ist zusammengeschmolzen auf eine letzte Nacht im Zelt, der letzte Zeltaufbau ist ganz seltsam, von 9.530 Stunden Reisezeit ist plötzlich nur noch eine Hand voll übrig. Wir sind gespannt, aufgeregt, erwartungsfroh, aber auch etwas wehmütig, schließlich heißt es gleichermaßen Abschied nehmen von einem riesigen Projekt, einer großen Zielstellung, allem was im letzten Jahr unsere Existenz, unser Denken und Handeln geprägt hat.
Wir radeln auf heimisch-vertrautem Terrain gen Leipzig, am Cospudener See vorbei wie unzählige Male früher schon, Erinnerungen an Orte und Begebenheiten kommen hoch. Da fahren uns erste Freunde entgegen um uns auf den letzten Kilometer bis zum Treffpunkt am Völkerschlachtdenkmal zu begleiten. Nach genau einem Jahr, einem Monat und einem Tag, ergo nach 397 Tagen nehmen uns Familie und Freunde wieder in die Arme und schlicht gesagt: die Freude ist einfach nur riesengroß.

Haben wir doch während unserer Reise immer wieder betont wie wichtig uns die Begegnungen mit den Menschen entlang unserer Wege war, wie wichtig ihre Aufgeschlossenheit uns ihre Art des Lebens zu zeigen war, wie nötig oft ihre Hilfe oder liebe Worte an uns waren, so gilt das auch für die Menschen die wir immer in unseren Herzen wussten. Ohne die Menschen die wir auf der Reise trafen wäre ebenjene nicht das gewesen was sie war. Doch das gilt auch für unsere Familien und unsere engsten Freunde. Wir sind ihnen allen zu tiefstem Dank verpflichtet. Sie haben uns den Rücken gestärkt, uns Sicherheit und Zuversicht mit auf den Weg gegeben, sie sind untrennbar Teil dieser Reise gewesen.
Nun dürfen wir bereits neue Großprojekte in Angriff nehmen: das eigentliche Resozialisieren in festen Wohnsitz und Arbeit machen den Anfang, die eigentliche Herausforderung begann schon im Februar in Südspanien. Seitdem sind wir nämlich zu dritt unterwegs, dabei fängt der blinde Passagier erst jetzt an mitzutreten wenn ich radele…

28.03.2011 | TAUSEND STUNDEN IM SATTEL UND EIN ENDE IST IN SICHT

Ein Jahr voller vielfältigster Reiseeindrücke ist wie im Flug vergangen, heute am 29. März sind wir seit 365 Tagen “on the road”. Unzählige Gesichter haben uns begrüsst, Unmengen von Autos überholt, 20 Sprachen drangen in unsere Ohren, etliche Kilo Reis und Nudeln sind verspeist, zig Berge sind wir hochgeschwitzt und in die Taeler hinabgerauscht – heute zum Einjährigen liegen genau 16.265 pedalierte Kilometer und 1.024 Stunden Nettofahrtzeit hinter uns.

Dabei haben wir wohl in Spanien das schlechteste Wetter gehabt, für zwei sonnige Tage gab es im Tausch stets drei Tage Regen, Sturm, Gewitter, Frost oder von allem etwas. Wir hatten viel Zeit uns wieder an europäische Standarts mit all ihren Vor- und Nachteilen zu gewoehnen. Gerade die Preise als auch die Autofrequentierung und Schnellstrassendichte waren oft recht nervig, dafür müssen wir um faktisch nichts mehr beim Einkaufen feilschen, alle Badewannen haben Stöpsel und es ist immer Strom da. Als wir bei Bindfadenregen den Ebro überqueren trifft uns im urplötzlich aufziehenden Gewitter zum Glück nicht der Schlag sondern Josè. Er will wie wir nach Barcelona, ist seit Alicante auf Tour und macht sich im anbrechenden Frühjahr auf den Weg nach Finnland. Die Chemie stimmt ziemlich gut, bis auf eine kurze Unterbrechung legen wir die gesamte Strecke bis kurz vor Avignon zusammen zurück.

Zuvor aber noch in die wohl schönste, wildeste, verrückteste, romantischste, touristischste, hippste Stadt Spaniens. Zufälligerweise fahren wir bei der Einfahrt gleich ueber den Montjüic – tolle Aussicht und tolle Abfahrt garantiert. Ansonsten überall eine Menge Gaudì – das Raumgefuehl in der Sagrada Familia ist wirklich einzigartig, man kann im Keller sogar in die Werkstätten der Steinmetze schauen und über hundert Jahre alte Knotenmodelle des Bauwerkes bewundern. Parc Güell bietet unzaehlige Picknickmöglichkeiten, an jeder Ecke gibt es andere Musik live von Strassenkünstlern dazu, wir hatten uns für die extrovertierte Variante der Tigerlilly entschieden und dabei eine Menge Spass. Egal wo man von den Ramblas wegknickt oder sich in der mittelalterlichen Düsterkeit des Barro Gotico verliert, man landet garantiert immer in einer ausgeflippten Szenekneipe die zum Ausruhen und Glubschen einlädt. Das waren nochmal drei richtig tolle Tage, etwas fusslahm steigen wir wieder in die Pedalen gen Pyrenäen.

Unser Pass nach Frankreich ist überraschenderweise ausgesprochen flach, allerdings fahren wir seit drei Tagen im Regen und auch die drei nächsten Tage ist noch keine Besserung in Sicht, bis kurz vor Beziers sind wir und unser Equipment völlig aufgeweicht. Wenn der Regen es nicht schaffte unsere Moral aufzulösen versucht das anschliessend der Wind. Wir verlassen Leucate bei Sturm aus N/ NW mit 107 kmh, in der Praxis sieht das so aus dass wir mit heftigem Treten im kleinen Gang mit 7kmh bergabfahren, in der Ebene kaum noch dem Sturm etwas entgegenzusetzen haben und wie Spielzeugfiguren quer über die ganze Fahrbahn gedrückt werden. Viel zu gefährlich und das Fahren unter diesen Umständen pumpt sinnlos aus. Wir tauschen die Radschuhe gegen unsere Rennsemmeln und schieben, das ist Premiere, es ist das erstemal in unser Radlerkarriere dass wir einfach nicht mehr vorwärts kommen. Am Ende des Tages haben wir insgesamt 25km geschafft und sind total kaputt. Weiterer Nachteil ist dass einem ja faktisch alles aus den Händen gepustet wird was man vom Rad nimmt und auch der Zeltaufbau bei Sturm nicht ganz ungefährlich ist, nachts nervt das laute Gedröhne und rüttelt erbarmungslos an unserem kleinen Häuschen. Nach weiteren zwei Tagen ist der Spuk vorbei und wir können wieder normal fahren.

Der Frühling kehrt nun endlich ein, die Wiesen werden immer grüner, warmsonnige, milde Lüftchen schubsen uns diesmal nach vorn, die Strassenführung mit mässigem Verkehr in den Rhônealpen und dem Uchaux ist landschaftlich sehr abwechslungsreich. Nachdem wir traurigen Herzens von Josè Abschied nehmen mussten steht auch ein Wiedersehen an. Wir hatten vor einem knappen halben Jahr den französischen Pilger Marc im türkischen Mersin getroffen. An Weihnachten hatte er seinen 5.000km langen Fussmarsch von Lyon nach Jerusalem abgeschlossen und würde uns gern in seiner Heimatstadt begrüssen – da lassen wir uns nicht zweimal bitten! Viel gibt es auszutauschen und wir verbringen angenehme Stunden in Erinnerungen, führen Gespräche über ähnliche Erlebnisse in denselben Regionen, gleiche Eindrücke und vielfältige Erfahrungen. Und wir reanimieren alle unser Türkisch und Arabisch, essen mit den Fingern und sitzen einfach nur stundenlang zusammen. Morgen wird uns Marc dann in den finalen Abschnitt unserer Reise schubsen, gen Dijon, Besançon, Mulhouse zur deutschen Grenze an den Rhein. Wir kommen!

24.02.2011 | WEISSES ANDALUSIEN UND WILDWESTROMANTIK

Wild feuert Carsten um sich, sein unsichtbarer Revolver schlaegt unsichtbare Ganoven in die Flucht. Derweil schreite ich majestaetisch ueber die quietschenden Verandabohlen des Saloons um meinen Helden am Ende des Gefechtes, verletzt mit einem glatten Oberschenkeldurchschuss, troestend in die Arme zu nehmen.
Wir versuchen alá Cardinale und Bronson unser eher zweifelhaftes Filmdebut fuer Homecinemaansprueche, “Talentfrei aber Spass dabei”, so unsere Devise. Ein echter Pedalo-Western in der steppenartigen Gegend um Tabernas, in der zahllose ungleich qualitaetvollere Filme, den originalen Wilden Westen Americas imitierend, gedreht wurden.

Wir sind inzwischen in der Region Murcia, ganz langsam schmelzen die Kilometer nach Barcelona, unser zehnmonatiges Vagabundendasein haben wir gefeiert und treten in den naechsten Tagen den 15.000en Reisekilometer. Wir spueren trotz anhaltender Lust am Radfahren und dem Genuss der Landschaften eine tiefsitzende Grundmuedigkeit in den Knochen, die Entfernung nach Leipzig erscheint uns an manchentags noch schier endlos weit. Eine Tiefenerschoepfung ist vielleicht auch ein Grund weshalb ich in Sevilla anfange eine hartnaeckige Bronchitis auszubrueten. Gut 14 Tage quaele ich mich ganz schoen rum, wir muessen mehrtaegige Stopps in Espera und Arcos de la Frontiera einschieben, merken dabei wie schwierig es sein kann ein warmes, trockenes Zimmer zu bekommen in dem man sich zum Genesen wohlfuehlt ohne Angst haben zu muessen dass nach zwei Tagen die kaltklammen Waenden immer enger ans Bett ruecken.

Emilio macht uns in Arcos zu Andalusien Fans. Die Chemie stimmt, wir sind gleich alt, er studiert Philosophie, sein Englisch ist so gut dass es wohl den landesweiten Durchschnitt hochreisst: vier Tage quatschen wir, und quatschen und quatschen,bis ich kaum noch husten muss. Er fuehrt uns mithilfe seiner Gitarre in die Grundzuege des Flamenco ein, erzaehlt uns von Spanien, von Franco, von seinem Andalusien und der wechselhaften Geschichte des Familienhotels, er macht uns zu Stammgaesten im “Zyndicato”, zeigt uns die schoensten Plaetze der Stadt mit Ausblicken auf die Sierra Nevada und arrangiert fuer Carsten ein Date der besonderen Art. Der amtierende, vierfache spanische Meister im Bogenschiessen laedt zu einer gemeinsamen Trainingsrunde. José Juan schiesst hier im Ort und Carsten darf nach zehnmonatiger Abstinenz auch mal wieder an der Sehne zupfen, welch eine Ehre, er hoert den ganzen Tag nicht auf zu grinsen.

In Barbate und Tarifa erfreuen wir uns der Wanderduenen an der Atlantikkueste, auf der anderen Seite der Seebruecke beginnt offiziell das Mittelmeer, wir sind am suedlichsten Zipfel Europas angekommen, die steile Kueste Afrikas liegt gut sichtbar nur 10km gegenueber. Wir machen einen Kurztrip nach England, der Name ist Programm, wie auf der Mutterinsel ist auch in Gibraltar alles ziemlich eng, dabei schmuddelig und ausgesprochen teuer. Noch nie hatten wir in einer Jugendherberge so wenig Zimmer fuer so viel Geld bekommen. Wir kraxeln einen Tag auf dem 426m hohen Felsen mit den wilden Berbermakaken herum, sie verstehen sich praechtig mit Carsten, springen ihm auf den Ruecken, wollen in seine Taschen, freche Apes. Der von zahllosen Tunneln, Schaechten und Hoehlen durchbohrte Felsen, die Festungen und Kanonen erzaehlen eindrucksvoll von der wildumkaempften Vergangenheit dieses strategischen Punktes an der Schwelle zweier Kontinente und Kulturkreise. In den darauf folgenden Tagen radeln wir durch eine touristisch ausgelutschte Feriengegend: von Estepona ueber Marbella, Malaga und Almeria geht es oft auf Schnellstrassen durch nichtendenwollende Ortschaften. Als leidenschaftliche Wildcamper empfinden wir den Zwang auf Campingplaetzen liegen zu muessen als nervig. Als einziges Quotenzelt am Platz duerften sie ja ohne uns den Namen Zeltplatz gar nicht mehr fuehren sagen wir uns im Spass. Die >60 Generation aus den kaelteren Regionen Europas ist in fahrbaren Luxusbussen samt Katzenkratzbaum und Plueschbademantel fuer alle Eventualitaeten geruestet hier unterwegs um zu ueberwintern. Alles ist auf diese Kundengruppe ausgerichtet: nur steinige Caravanstellplaetze in Toilettenhausnaehe, Zeltrasen gab es nirgends, als Dauerparker liegen sie bei drei Wochen mit 70% Rabatt dort, wir werden einfach keine Freunde dieser Einrichtungen. Circa 80km vor Almeria radeln wir durch die beruechtigten Zeltstaedte, echt gruselig: ueberall Folie, kein Zentimeter freier Platz zwischen Asphaltkante und Gewaechshaus, dazwischen versteckt eingestreut Kindergaerten, Bars, Wohnhaeuser, Supermaerkte. Der Gipfel sind die Hinweisschilder “Paraje Natural” fuer das (etwa in den Gewaechshaeusern versteckte?) Naturschutzgebiet, wir wissen nicht ob wir da lachen oder weinen sollen.

Wir sehen zu dass wir im woertlichen Sinne Land gewinnen und biegen hinter Almeria ins Landesinnere ab, nach Norden, maeandern etwas nach Westen und Osten, Hauptsache weg von der Kuestenstrasse. Und fuehlen uns spontan sehr wohl: Steppenvegetation, kahlgraue Knitterfelsen, schroffer Stein, enge Canyons, kieselige Wadis, bunter Sanstein, pieksige Kakteen - Wildwestromantik pur. In Tabernas dann unser Selbstversuch als Aktricen in verlassenen Westernfilmkulissen, Carsten pfeift laut “Spiel mir das Lied vom Tod”, ich jongliere mit alten Knochen im Takt...

In den letzten Wochen haben sich die Reiseeindruecke aus Mittel-Ost etwas setzen koennen, hatten wir ja vor Ort stets das Gefuehl im Zeitraffer zu leben kommt hier vieles von dem Erlebten zur Ruhe. Und uns ist in erschreckender Manier bewusst welches Glueck wir hatten. Nur wenige Tage vor den ersten Unruhen in Aegypten landeten wir unbehelligt und ahnungslos in Madrid, haben dann von Strassenkaempfen, Anschlaegen, wuetenden Demonstranten und zivilen Opfern nur durch die hiesige Berichterstattung erfahren. Als die Protestwellen dann auch weiter schwappten, nach Jordanien wo wir ja auch waren, nach Libyen wo wir auch hinwollten, wurde uns wirklich mulmig. Die politischen Landschaften werden im Mitteleren Osten neu gestrickt werden, ueber kurz oder lang wird es massive Veraenderungen geben. Wir hoffen zum Guten, aus tiefsten Herzen und sehr betroffen bangen wir mit den Menschen. Wir wollen nichts “romantisieren”, doch haben wir gerade dort wo es manchmal am Schwierigsten schien die eindrucksvollsten Bilder, die herzlichsten Begegnungen, die schoensten Reisemomente erlebt. Diese intensiven Monate haben Spuren hinterlassen, sie haben in uns etwas veraendert, sie haben uns wachsen lassen, uns als individuelle Persoenlichkeiten sowie als festverschweisstes Team.

25.01.2011 | TAUSCHEN WUESTENSAND GEGEN PAELLA

Die Taschenlampen der Polizisten schwirren in der Nacht umher, es scheppert laut denn jemand ist im Dunkeln gegen seine Kalashnikow getreten die daraufhin laut poltern zu Boden faellt, da verladen wir gerade unsere Raeder auf der Ladeflaeche des Polizeipickups und werden abtransportiert. Es ist das erste Mal das wir eine Etappe nicht mit den Raedern absolvieren und in dieser Nacht sind wir auch nicht boese darueber.

Seit Suez sind entweder alle Landschaften zu militaerischer Sperrzonen deklariert oder jeder Zentimeter entlang der Strasse durch Raffinerien, Plantagen und Siedlungen belegt. Das Campen ist eigentlich unmoeglich und jede Nacht versuchen wir illegal irgendwo ein paar Stunden Nachtruhe zu kriegen. Das Fatale ist das uns Einheimische oft helfen moechten aber partout nicht duerfen, sie haben einen Heidenrespekt vor dem omnipraesenten, allmaechtigen Militaer: Touristen duerfen aus Sicherheitsgruenden nur in Hotels naechtigen. Was uns traurig und wuetend macht, wird doch den Menschen systematisch die Gastfreundschaft aberzogen und die Distanzen zwischen touristisch erschlossenen Orten sind fuer uns auch mit verdoppelten Tagesetappen nicht zu bewaeltigen. Wir werden muerbe, tagtaegliche Gewaltritte auf acht spurigen vollbefahrenen Chaosautobahnen, eine desolate Versorgungsinfrastruktur (z.B. kaum Einkaufsmoeglichkeiten) und abends keine Aussichten auf zwei freie Quadratmeterchen fuer unser Zelt. Der Deserthighway geht nicht mehr durch die Wueste sondern durch das taeglich weiter ausufernde Nildelta und fast alle der 85 Millionen Aegypter leben hier.

Nach Suez steuern wir El Gizah an und als wir durch das suedliche Kairo fahren koennen wir schon die Pyramiden sehen. Kurioserweise buessen sie an Monumentalitaet ein je naeher man herankommt, von unten sehen sie sogar richtig klein aus. Sie stehen inzwischen inmitten einer Stadt die wie alle anderen Staedte hier in Muell, Laerm, Ueberbevolkerung und Armut erstickt. Welch ein Kontrastprogramm zu der Halbinsel Sinai! Vierzig Kilometer vor Alexandria dann der lange, aufregende Abend an unseren wohlweislich erst im Schutze der Dunkelheit errichteten Zelt. Erst kommen uns ein paar Jugendliche besuchen, danach die Zivilpolizei, dann wieder die Jugendlichen – sie haben jetzt Sitzfleisch mitgebracht, inspizieren alles sehr gruendlich, lassen sich sogar Essbesteck und Hupe erklaeren, fragen dann nach “Madame” und reagieren partout nicht auf Carstens Verabschiedungsversuche – bis zu unserer Rettung dann die richtige Polizei eintrudelt. “You are not allowed to use this road, it is not for tourists, this place is not safe” – jip, haben wir uns auch gerade gedacht, na dann kommen wir jetzt lieber mit…

So erreichen wir Alexandria und entscheiden ueber unseren weiteren Reiseverlauf. Da fuer Individualreisende wie uns eine Einreise nach Libyen nicht moeglich ist und auch Tunesien mit seinen akuten politischen Instabilitaeten wenig lockt besuchen wir die Mitarbeiter des Flughafencargoterminals und geben all unsere Habe als Fracht auf. Ein komisches Gefuehl: Raeder weg, Taschen weg, kein Zelt, kein Schlafsack, nur noch ein paar Klamotten bleiben bei uns. Wir fuehlen uns nicht nur materiell stark beschnitten sondern treten auch mit gemischten Emotionen dem Abschied aus Aegypten entgegen. Ueber vier Monate waren wir nun in islamischen Kulturen unterwegs, haben uns in der arabischen Gesellschaft grundsaetzlich sehr wohl gefuehlt, das allgegenwaertige Improvisationstalent geschaetzt, die Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit der Menschen mit allen Sinnen genossen. Sind wir schon bereit fuer all die geregelten Strukturen in Europa? Was nehmen wir mit, was wollen wir hinter uns lassen? In unseren Herzen ringen Vorfreude und Wehmut, sind wir an den Wochen hier doch auch innerlich gewachsen.

Bei der abendlichen Busfahrt von Alex nach Kairo sehen wir noch einmal all das was uns zwar tagtaeglich begleitete aber trotzdem jedesmal wieder in der Seele wehtat: dichtgedraengte, baufaellige Hochhaeuser, dazwischen Pferde und Ziegen, meterhoher Muell, mit Schlamm und Schrott verstopfte Gassen, ueberall Schlachtabfaelle und Exkremente, Muetter die mit ihren Kindern an den Highways naechtigen, verzweifelte Armut und trotzallem eine unendliche Freundlichkeit. Die Menschen strahlen soviel Optimismus und Lebensfreude aus dass wir uns manchmal ganz schaebig fuehlen weil wir sovieles bekritteln. Die Eindruecke hinterlassen allerdings Spuren in unsere Psyche, ganz unterschiedlich kommen wir mit den hiesigen Umstaenden und dem enormen Dauerkrach zurecht. Carsten wird was seine Nerven angeht ziemlich duennhaeutig und faehrt bei geringen Anlaessen schnell aus der Haut, ich kann das Negative oft besser wegblenden und muss ihn zum Weiterfahren motivieren. Mit Rueckblick auf all diese Dinge entschliessen wir uns unser Orientabenteuer nun hier zu beenden.

Ganz unspektakulaer geht es innerhalb von vier Stunden Flugzeit nach Madrid. Wir erhoffen uns ein wenig hitzig-spanisches Chaos, treffen aber auf eisige Temperaturen und penible Ordnung – auch ein Kulturschock. Unser seperat geflogenes Frachtgut ist wider unserer Erwartungen 1) da!, 2) vollstaendig! und 3) nahezu unbeschaedigt! Wir haben mindestens eine Acht im Vorderrad erwartet (die kriegen wir auch), aber jemand hat es zudem geschafft auch mein massives Stahlkettenblatt so zu verbiegen dass es von der Kette nichts mehr sehen will. Aber ich habe ja einen starken Freund mit einer starken Zange! In Spanien duerfen wir nun laut verwirrendem Schilderwald keine Highways mehr nutzen und muessen auf Nebenwege ausweichen, das war in Aegypten genau andersherum. So geniessen wir die Ruhe in Flusstaelern und dichtgruenen Hoehenzuegen, fuehlen uns in manchen Momenten allerdings auch etwas einsam. Begeistert zeigt mir Carsten die Weiden voller Bioschweine, was fuer ein ungewohnter Anblick. Und sportlich sind die Spanier - wir sind wieder zwei Radler unter vielen. Die Versorgungsinfrastruktur ist lueckenlos, es gibt nichts was es nicht gibt, putzblanke Tankstellentoiletten mit Heizluefter, heisses Wasser aus den Leitungen; staunend und unentschlossen sondieren wir die Angebote der Supermaerkte, die Leute sind alle so gepflegt und chic gekleidet, dekadenter Ueberfluss an allem, wie ungewohnt fuer uns der ganze Kommerz. Klimatisch haetten wir uns jedoch einen waermeren Empfang gewuenscht: uns friert nachts bei minus vier Grad das Zelt ein und ist morgens bretthart, wir muessen bis 11 Uhr warten um es wenigstens nass einpacken zu koennen, dichter Nebel huellt uns drei Tage lang ein weshalb wir von der Sierra Morena so gut wie nix sehen. Bis nach Cordoba bibbern wir uns bei 5 Grad Tageshoechsttemperatur, dann regnet es und wir fluechten fuer drei Tage in die kuscheligen Altstadtgassen von Sevilla. Der europaeische Winter wird uns wohl noch fuer ein paar Wochen in seiner Zange haben, wie gut dass wir seit acht Monaten unser Winterzeug spazierengefahren haben, in Schweden hatten wir es zuletzt gebraucht…Wie wuerde der Spanier dazu sagen: ¡HASTA LA VISTA, BABY!

29.12.2010 | DER WEIHNACHTSENGEL VON SINAI

Die feuchtwarme Dunkelheit verschluckt uns schlagartig, der Taucho steht aufgrund des Gefaelles bei 39 kmh, die Luft wird schwarzgrau und stickig, die spaerlichen Lampen an den Waenden flackern, wir rasen hinab und hinter uns stauen sich laut hupend PKWs, LKWs und Busse. Niemand kann an uns vorbei, die beiden Spuren sind durch eine kleine Mauer abgetrennt. Als das Atmen immer zaeher wird kommt die erhoffte Schraege und bald darauf hat uns das Tageslicht wieder. Sie haben uns tatsaechlich reingelassen, niemand hat uns bei Einfahrt in den Suezkanalatunnel auf den Raedern aufgehalten, das haetten wir nicht fuer moeglich gehalten. Aber das trifft fuer sovieles dieser Tage zu, wir hatten auch Aegypten nie auf unserer Liste und nun sind wir aus der Wueste Sinai kommend auf dem nordafrikanischen Festland.

Nach unseren leichten Tagen in Syrien fordert Jordanien viel Kraft und wir fragen uns jeden Abend: wie kann ein Land so schoen und gleichzeitig so haesslich sein?. Die Topografie ist in jeder Beziehung atem(be)raubend, das Gebirge hoch und knackig steil belohnt mit phaenomenalen Ausblicken in das Jordantal. Am Toten Meer dann der (geografische) Tiefpunkt unserer Reise, wie zwei Korken treiben wir schwerelos auf minus 408m. Puenktlich mit Ankunft eines Sandsturmes reisen wir ab und finden, nachdem uns Leute warnend von der Strasse runterbefehligen, Obdach in einer Gartenlaube in einem ummauerten Anwesen. Unglaublich wie das staubt, die Luft wird trocken klebrig und der Dreck kriecht ueberall hin, die Sonne ist drei Tage vom Himmel verschwunden, die Sichtweite betraegt keine hundert Meter mehr, es stuermt ununterbrochen 72h lang. Zu allem Uebel kommt ein schwaechender Magen-Darminfekt dazu, wir quaelen uns foermlich nach Petra um dort festzustellen dass sich die beruehmte Felsenstadt in eine Touristenschleuse verwandelt hat wo einem nur nur beim Eintrittspreis der Mund vor Staunen offen stehen bleibt. 50 Euro fuer uns, 90 Eurocent fuer Araber, wir empfehlen uns mit einer Notiz an die zustaendige Tourismusbehoerde.

Das alles waere verkraftbar wenn uns nicht tagtaeglich nette Begegnungen mit den Einheimischen den Aufenthalt versuessen wuerden. Es vergeht kein Tag an dem man uns nicht Steine hinterherwirft oder wir von einem "Fuck You" begruesst werden. Im Jordanvalley war es besonders schlimm und die Trefferquoten recht hoch, es sind nicht nur Kinder die uns bewerfen und beschimpfen, ein Jugendlicher laueft mir seitlich ins Rad weil er weiss dass man westliche Frauen umsonst angrabschen darf, 10 jaehrige Knirpse belatschern mich staendig mit "I love you" und machen anzuegliche Gesten, da kribbelt es in meinen Haenden, die Erwachsenen sitzen nur daneben und schauen grienend zu. Wie zwei gepruegelte Hunde ducken wir uns unter Stoecken die hinter uns auf die Taschen geschlagen werden, staendig stellen sich grosse mutige Jungs bedrohlich in den Weg, noch heute hat uns dieses Jordanien-Trauma, welches uns bis zur Ausreise in gelebter Realitaet begleitet, im Griff und etwas misstrauisch beauegen wir auch hier manche Kinderhorden am Strassenrand.

Doch die Landung in Aegypten wird uns von einem Engel der uns auf der Strasse bei Nuweiba auffaengt geebnet. Maged betreibt das Camp Habiba direkt am Traumstrand des Roten Meeres, eine Kamelreitschule, eine oekologische Farm und hat ein grosses Herz fuer Radfahrer. Ohne die aufbauenden Stunden im Kreise seines Teams und an Weihnachten auch seiner Familie waere unser Start in Aegypten nicht dass was er ist. Am Weihnachtsabend sollen wir seiner Meinung nach nicht allein in der Wueste hocken, dank seiner Gastfreundschaft und den Kochkuensten seines Teams versammelt sich eine illustre internationale Gesellschaft um den festlich geschmueckten Tisch, jeder mit seiner eigenen Geschichte warum er heute auch genau hier ist, Erfahrungen die beruehren, Herzlichkeit unter Menschen die sich in dieser Konstellation nur einmal im Leben sehen, aber alle sind an einem besonderen Tag beisammen. Wir sind sehr sehr dankbar fuer diese Stunden.

Frisch, optimistisch gestimmt und gestaerkt von einem ueppigen Festschmaus starten wir zur Querung der Sinaihalbinsel. Es gibt ca. alle 90km einen Verpflegungspunkt um die Wasservorraete zu fuellen, so schleppen wir beide ca. zusaetzlich 6 oder 7 kg mit, auch an Lebensmitteln, das sind 10 bis 15 Prozent des sonstigen Gepaeckgewichtes. Das zerrt ganz schoen, an zwei Tagen muss alles jeweils ueber 1.100 Hm hoch. Doch an diesem Flecken zu sein geht unter die Haut: kein Laut erklingt, Fels wird zu Stein, zerfliesst in Sand, verweht zu Staub, der tiefblaue Himmel und die stechende Sonne ueber uns, eine gut asphaltierte, ruhige Strasse unter uns.Da weiss man wieder warum man reiseradelt.

Nach drei Tagen in fast menschenleerem Gebiet schluckt uns dann der Tunnel und spuckt uns in dem Moloch einer aegyptischen Grossstadt wieder aus. Klar dass es gleich dunkel ist und wir noch 20km fahren muessen, ein zweifelhaftes Vergnuegen bei der hiesigen Freestylefahrmentalitaet und nach 135km in den Beinen, einem Pass, einem 1,7km langen Tunnel und 7 1/2h Nettofahrtzeit. Aber wir sind auch in vielerlei Hinsicht staerker geworden, ausserdem lockt uns langsam der suesse Ruf der Heimat.

02.12.2010 | IM LAND DER GOLDHAMSTER UND KAMELE

Wir haben das Kurban Bayrami erst fuer Ende November erwartet, so erwischen uns die neuntaegigen Festivitaeten des Opferfestes zwei Wochen zu frueh, landesweit herrscht froehlicher Ausnahmezustand und wir ahnungslos mittendrin statt nur dabei. Uns schwant Boeses als wir bei der morgendlichen Einfahrt nach Mersin am Strassenrand lauter Schafe sehen die uns alle erdenklichen Zwischenstadien des Schlachtens und Haeutens demonstrieren. Das Vergnuegen haben allerdings nur die maennlichen Tiere, die zwei Beweise bleiben demonstrativ am Gerippe haengen. Wir irren etwas verloren durch die Stadt die wirklich nur einen schoenen Hafen hat und hoeren ein Geraeusch was uns unerwartet beruehrt. Hinter uns ertoenen Kirchglocken, einsam, ruhig und dumpf – vertraut schoen. Wir klopfen einfach mal an der Pforte dieser kleinen katholischen Kirche (einer von insgesamt 12 Stueck in der gesamten Tuerkei) an und kommen mit Padro Roberto und Bruder Majcin ins Gespraech. Spaeter nehmen wir an einem OpenAir Gottesdienst teil an welchem anlaesslich der muslimischen Feiertage (sie sind so wichtig wie fuer uns das Weihnachtsfest) Muslime, Orthodoxe und Christen zusammen predigen und beten. Fuer zwei Naechte beziehen wir die einfachen Klausenquartiere und sitzen im Abendrot mit einem franzoesischen Pilger auf dem Dach welcher per pedes seit Juni von Lyon aus nach Jerusalem unterwegs ist.

Wir gelangen bei Adana in ein riesiges Delta was komplett mit Industrieanlagen zugebaut ist und es gruselt uns dort schnell heraus, das erste Mal muessen wir in der Dunkelheit fahren (ab ca. 16:30h) um noch etwas zum Uebernachten zu finden und wiedereinmal wird eine Tankstelle unsere Rettung. Wahrscheinlich verbringen wir jede dritte Nacht im Schutze dieser Anlagen, oft haben sie gepflegten Rasen hinter dem Gebaeude fuer das Zelt, Sichtschutz fuer uns, sanitaere Anlagen und Rundumbewachung von sehr herzlichen Tankwarten die uns ungefragt Tee bringen, Wasser geben und uns als interessante Abwechslung in ihrem Alltag mit offenen Armen empfangen. Jenseits der Touristenorte ist es faktisch unmoeglich Campingplaetze zu finden und mitunter sind weite Landstriche so zugebaut und vollgestopft mit Industrieanlagen dass einem gar nichts anderes uebrig bleibt als die Infrastruktur der Treibstoffmagnaten in Anspruch zu nehmen. In Ceyhan kommen wir seit langem mal wieder zum Tanzen: neugierig schauen wir uns abends um woher der Krach kommt und stecken mitten in einer tuerkischen Hochzeitsfeier. Das Staerkste was an diesem Abend ausgeschenkt wird sind Halbliterbecher mit Cola, die raumhohe Hochzeitstorte ist ein schlumpfblauer Cremetraum mit Seifenaroma, aber es wird getanzt wie in einem Video von Jean Paul. Wir sind beileibe nicht aus der Uebung gekommen und swingen in unseren Badelatschen kraeftig mit, doch 23 Uhr ist schlagartig Schluss und alles stroehmt dem Ausgang zu. So bleibt mehr Kraft fuer den ganz privaten Teil der Hochzeit!

Da wir ja aufgrund unser langen Abwesenheit aus Deutschland kein Visum auf dem klassischen Weg beantragen konnten besteht fuer uns an der Grenze eine 50/50 Chance auf Einreise nach Syrien, wir stellen uns mental schon mal auf Umwege und Wiederholungsversuche an anderen Grenzpunkten ein, auf keinen Fall wollen wir aber durch die Tuerkei zurueckfahren muessen: auf der Kuestenroute sind wir in den letzten 35 Tagen wenigstens 20.000 Hm gefahren, der Bedarf ist erstmal gedeckt. Wir geben unsere Paesse und die Formulare beim Immigration-Schalter ab, rumms, das Fensterchen geht zu, und wir warten. In den naechsten zwei Stunden werden unsere Paesse gelegentlich gewendet, sporadisch durchgeblaettert, dann eine Zigarette, dann wieder einmal umdrehen, diesmal nur den einen Pass, dann eine SMS schreiben, im anderen Pass rumblaettern, nochmal, nicht richtig hingeguckt, denn der Fernseher laeuft, dann kurz das Telefonat entgegennehmen, wieder Paesse umdrehen, dismal beide, aufstehen, Mittagspause machen, anschliessend Pass in die Hand und anfangen zu schreiben, ach – da kommt der Kollege mit dem Tee, 10min spaeter, wo war ich stehen geblieben, ach ja das Formular, da muss ich doch noch mal nachfragen, “Wohnen sie in etwa der Tuerkei?” Ah ja, wir haben schon Schwierigkeiten befuerchtet, denn unser 10 Wochen alter Einreisestempel in die Tuerkei ist bei uns beiden total unleserlich, wir haetten da ja eher bei der Ausreise aus der Tuerkei ein Problem erwartet aber hier? Wir versuchen das zu erklaeren und dann kriegen wir den Rechnungszettel fuer die Gebuehr, 15 min spaeter rollen unsere Pneus in die arabische Republik Syrien – UFF!

Und fuehlen uns spontan sehr wohl. Zum einen sind die Menschen per se sehr gastfreundlich und hilfsbereit, zum anderen bemueht man sich sehr um den internationalen Tourismus, so bekommen wir vom Tourismusbuero an der Grenze (so was haben wir an keiner Grenze je vorher entdeckt) Kartenmaterial von Syrien und erste Tipps. Das Wildcampen klappt durch die duennere Besiedlung und weniger intensive landwirtschaftliche Nutzung sehr gut, der Asphalt ist traumhaft glatt, Leitungswasser ist wieder trinkbar, nur noch wenige Hunde streunen wild und bissig herum, viele Menschen sprechen sehr gut Englisch und es gibt endlich Falafel statt dem ewigen Kebab! Obwohl wir in den letzten zwei Wochen insgesamt 6 weitere Reiseradler getroffen haben sind wir eine absolute Attraktion. Aus Autos und von Motorraedern werden wir wiederholt ueberholt, gefilmt, geknipst, manchmal halten uns die Leute an weil die Damen mit mir und die Herren ein Foto mit Carsten machen wollen, wir koennen gar nicht alle Einladungen annehmen, oft will man partout nicht dass wir den Nachmittagskaffee am Strassenrand bezahlen und steckt uns lieber noch einen Keks oder Blumen zu. Welcome to Syria! Die auf uns zu stuermenden Kinderhorden haben uns anfangs etwas Angst gemacht, haben wir doch von kleinen frechen Steinewerfern und Schubsern gehoert, doch sie sind lieb und nur aufgekratzt neugierig, jeder probiert sein Englisch aus und ist stolz wie Bolle wenn er seinen Kumpeln uebersetzen kann. Was uns auch ueberrascht ist die liberale Handhabe der Kleiderordnung, klar moeglichst wenig nackte Haut, aber in vielen Orten entdeckt man kaum Frauen in traditioneller Kleidung und Kopftuch; stark geschminkt, Hollywoodreif frisiert und in knallengen Jeans, knappen Pulloeverchen und Stilettos stehen die jungen Damen in Bushaltestellen und Geschaeften. Das Wort Hupraum bekommt hier neben einer neuen Orthografie auch eine neue Bedeutung: alles ist Hupraum und es gibt keinen Grund nicht zu hupen! Jede Beruehrung von Gas-, Brems- und Kupplungspedal, des Lenkrades, der Tuerenoeffnungen, des Anlassers, der Kofferraumklappe, alles scheint untrennbar mit dem Hupsignal verbunden. Auch: ich sehe dich oder: huch, wo kommst du denn her, oder: ich finde dich toll, oder: ich bin schneller, oder: fahr nochmal vorbei, ich muss nochmal gucken - die Hupe ist Komunikationskanal fuer alles und jeden

Schneller als vermutet kommen wir in das Vergnuegen in der Wueste zu kampieren, das Gelaende steigt taeglich an, wir befinden uns 2 Tage lang auf 1.400 Meter ueber dem Meer und nur 20km Luftlinie vom Libanon entfernt, die Weite und die sanft auslaufenden Berge sind ein traumhafter Anblick. Allerdings ist es fuer die Jahreszeit ungewoehnlich trocken, leere Flussbetten zerfurchen die Steinwueste, das Leitungswasser wird taeglich ausser fuer fuenf Stunden abgestellt, ueberall der puderfeine Staub. Nach einem Tag merkt man gar nicht mehr wie schmutzig und trocken alles ist, wir sehen aus als waere ein Zementsack ueber uns explodiert. Neben uns flitzen die Wuestenmaeuse mit lustigen Puscheln am langen Schwanz entlang als wir gen Damaskus in ein Tal rauschen, auf dem Highway sind wir nach 40km in der Stadt die aufgrund der engen Gassen aus einem Labyrinth aus Einbahnstrassen besteht, klar dass wir in der falschen Richtung unterwegs sind…Die Hotelsuche ist sehr kraftraubend, bezahlbare europaeische Standarts haben wir ja teilweise schon in der Tuerkei ueber Bord werfen muessen, hier ist es noch ‘nen Zacken schaerfer, nach 3h quetschen wir unsere 15 Taschen in einen gefliesten Karnickelstall vis a vis der Zitadelle, also zumindest schoen zentral neben der Altstadt.

Das Tolle an dieser Stadt ist dass wir fuer unser Empfinden kaum Spuren des professionellen Tourismus entdecken sondern den Eindruck haben in eine gewisse Urspruenglichkeit einzutauchen. Pro Tag werden wir dreimal angesprochen ob wir etwas kaufen wollen, das ist uns in Istanbul an einem einzigen Stand passiert. Noch bis vor einhundert Jahren sind echte Karawanen mit Weihrauch aus dem Jemen hier durchgereist, haben in den Chans (Karawansereien) uebernachtet, heute gibt es stattdessen Asphalt und Eisenbahn, aber die Strukturen in der Stadt sind alle noch unveraendert geblieben. Entlang der 7 erhaltenen Altstadttore zieht sich die aelteste und laengste Geradeausstrasse von Dimashq, auf ihrem Pflaster ist wohl schon der Apostel Paulus gewandelt.

Tja, und genau dort steht nun auch die kleine Sattelkarawane aus Deutschland, die es nach fast 12.000km durch 15 Laender endlich in eine echte Karawanserei geschafft hat und staunt ehrfuerchtig ueber die fantastisch erhaltenen Kulturschaetze in dem Land zwischen Eufrat und Tigris welches als Wiege der Zivilisation bezeichnet wird.

08.11.2010 | HASTE LAKTAT IM BEIN DANN LASS DAS RADELN SEIN

Wir sind erleichtert: es war uns schon richtig unheimlich und wir haben Hexerei befürchtet, aber bei Kilometer 9.703 endlich das verraeterische Schwimmen unterm Sattel, der erste Plattfuss. Dabei kann man der Laufflaeche keinen Vorwurf machen, sie ist intakt, nur ein Dorn hat sich weit aussen am Mantel hineingebohrt. Da es früher Morgen ist und wir noch frisch sind ist der Pneu in 11 Minuten gewechselt (bei dieser Rekordzeit stoppe ich selbstredend, Carsten wechselt...). Die Aegeisküste ist ein allerdings feuchter Traum von wilder Berg- und Küstenlandschaft, an manchen Tagen regnet es 24h non stop so dass wir in Foça statt der Locken unsere Socken föhnen. Aber das satte Grün an den Haengen und endlose Olivenhaine verwöhnen das Auge und je südlicher wir kommen umso besser wird das Wetter. Bei Bodrum radeln wir durch weite Baumwollfelder und vor der knapp 4 Millionenmetropole İzmir dürfen wir in einem Vogelschutzpark naechtigen. Pelikan, Flamingo und Co. flattern ins Abendrot, da mümmeln wir unser Abendbrot.

Situationskomik geht dann so: da mühen wir uns fast 60km durch den sechspurigen Feierabendverkehr von İzmir und halten kurz um den Atatürk im Felsen zu knippsen, haelt da nicht jemand einfach dem Carsten ein Handy ans Ohr? Er gibt es nach zwei Minuten dem Besitzer zurück denn er versteht schliesslıch nichts von dem Gespraech, derweil übe ich mich mit dem Herrn in nonverbaler Kommunikation. Wieder kriegt Carsten das Handy ans Ohr, nun wird in der Leitung Englisch gesprochen, es ist der Sohn und er will einfach nur fragen ob wir Rat oder Hilfe braeuchten! Als wir kurz darauf weiterrollern überholt uns so eine undefinierbare Uraltklapperkiste und zieht unmittelbar vor uns scharf rechts auf den 40cm höheren Bordsteig, wobei sich das linke Hinterrad verabschiedet und hangabwaerts dem Carsten direkt auf den Fuss rollt. Da war im wahrsten Sinne des Wortes eine Schraube locker. Hinter uns ist der gesamte Freitagnachmittagverkehr auf dieser Spur zum Erliegen gekommen, glücklicherweise ohne uns zusammen zu knautschen, aber ein Hupkonzert gibt es, vom Feinsten. Wir geben dem Herren sein Hinterrad zurück, er wird es noch brauchen, er lacht, zuckt die Schultern, wir hören nur etwas von "Allah Allah" - ich habe das Gefühl das passierte ihm nicht zum ersten Mal.

In Efes/ Selçuk nehmen wir uns einen ganzen Tag Zeit um die Ruinen der 2000 Jahre alten Stadt anzuschauen und feiern Carstens Geburtstag in einer ganz kleinen Runde, was die Menükosten übersichtlich haelt, unser Gummihai und Baerli müssen Familie und Freunde ersetzen. Bis nach Fethiye über Muğla brauchen wir sechs ganze Tage, und die sind hart erarbeitet. Ich wünsche mich zeitweilig zurück in die Karpaten, frage mich ob man in der Türkei den Berg vor lauter Bergen noch sieht, merke aber das es in diesem Land extrem steil bergauf geht - auf jeden Fall mit den Strassen. Da wir keinen Höhenmesser dabei haben müssen wir schaetzen, aber es werden taeglich um die 600 bis 1.200 Hm sein welche wir 50kg inaktive Masse und uns hochwuchten. Wir sind ja schon durch viele Bergketten in Europa gefahren, aber das ist hier echt 'ne harte Nuss. Am letzten Tag habe ich im Muskel schon koordinative Ausfallerscheinungen, keine Ahnung wie ich die Kurbel dann doch immer wieder rumbekomme, statt dem Pedaldruck hat sich nur der Leidensdruck erhöht. Zudem nervt der rauhe Strassenbelag und der viele grobe Split, welcher uns von vorbei rasenden LKWs aufgewirbelt um die Ohren fliegt. Ein Dauertremor in den Handgelenken erschwert abends den Zeltaufbau. Beziehungsweise nachmittags, denn um die knapp gewordenen Tageslichtstunden optimal zu nutzen müssen wir 6:30 Uhr raus und 17Uhr ist es bereits finster, dabei sind wir mit allem noch eine Stunde eher dran als in Deutschland, echt fies für unseren Biorhythmus. Jammern hilft aber nix, doch die taeglich 50 bis 60km sind uns wahrlich nicht geschenkt worden.

Wir merken bald dass wir für die eigentliche Urlaubssaison viel zu spaet dran sind an der Mittelmeerkueste. Die Temperaturen betragen nur noch so um die 25 Grad Celsius, die Strassen sind leer, ebenso Pensionen und antike Ausgrabungsstaetten so dass wir uns sogar getrauen unser Zelt einfach neben dem Zeustempel aufzuschlagen, das Preisniveau ist generell um 50% gesunken, aber es gibt Schlimmeres. Die Vegetation erlebt ihren zweiten Frühling, alles spriesst frisch und maigrün über den verdorrten Sommerresten, wir nenne es den "Frübst" den wir hier zum zweiten Mal in diesem Jahr durchradeln.

In Antalya angekommen herrscht wieder überall der klassische Tourinepp, aber wir sind schon zu lange hier um uns noch aufzuregen, wir handeln und feilschen wie die Marktweiber, verstehen ein bisschen Türkisch und zu den besten Sprüche die man hier hört, ich zitiere, gehören: "I just want your best" (my money?), und echt wahr: "Let me help to spend your money"! Das können wir aber auch gut allein und die Taschen sind voll genug, noch 700km bis zur syrischen Grenze, mal schauen ob das auch ohne Visum klappt... Nach den vielen Wochen in diesem riesigen, bergigen, gastfreundlichen und auch ein bisschen liebevoll-chaotischen Land wollen wir in die naechste Herausforderung!

14.10.2010 | DER BEISST NICHT, DER WILL NUR SPIELEN!

Zugegeben, in den letzten zwei Wochen waren wir ein bisschen faul, aber wir haben die Zeit sinnvoll genutzt um unser Vorortstudium der Türkei zu intensivieren. Und das geht am besten wenn man selbst und die Leute ringsum möglichst nackt sind, wie beispielsweise in einem Hamam. Die Therme von Yalova aus römischen Tagen ist ein Geheimtipp unter türkischen, syrischen und nun auch deutschen Gaesten.

Das heisswarme Feuchtgebiet beginnt direkt an der Eıngangsschwelle und nicht erst im zentralen Dambpfbad, allgemeines Chaos und viel Seifenwasser, wir schlappen etwas orientierungslos durch das nasse Menschengedraengel umher und entscheiden uns dazu unsere weissen Handtücher neben 250 andere weisse Handtücher zu haengen und erstmal zum Schwitzen zu gehen, was ja ohne Packrad unter einem viel entspannender ist. Wir bekommen den Bogen schnell raus warum man unbedingt schlurfen muss: das brühheisse Wasser spritzt einem sonst bei jedem Schritt an die Haut. Das Kaltwasserbecken ist eine Atrappe, jeder Hamambader geht anschliessend ins 60 Grad warme Thermenwasser. Doch ich weiss dass mein Kreislauf sich bei der Übung verabschieden wird und bleibe nur kurz in dem heilenden Millionen jahrealten Schwefelsud, da lieber eine “masaj”. Dazu wird man von flinken Haenden an jedem Millimeter eingeseift und mit einem Peelinghandschuh abgeschrubbt bis alle alte Haut ab ist.
Inzwischen glitsche ich auf der mit einer Plastikfolie umspannten Liege umher wie ein fangfrischer Aal, was einen erhöhten Kraftaufwand bei der Massage erfordert.
Es sind keine schmeichelnden Geraeusche die der Masseur meinen Nackenwirbeln entlockt, aber schmerzfrei und ohne Kribbeln in den Beinen gleite ich nach 20min. Unter Vollbesitz meiner neuronalen und muskulaeren Faehigkeiten von der Liege. Carsten hatte weniger Glück und zweifelhaften Spass: er ist extrem kitzelig und sein Masseur hat mit psychologischem Gespür ihm erst die Fusssohlen geknautscht um dann die Innenseiten mit einem Seifenkeil abzurubbeln. Dann seine Lieblingsübung: jedes einzelne Fingerglied auseinander ziehen und knacken lassen; da kann er nicht mal zuhören wenn das andere Leute bei sich selbst machen.

Am naechsten Tag entspannt sich Carsten bei der zaertlichen Berührung von Mann zu Mann bei einem türkischen “Kuaför -Berber Salonu”. Zugegeben die Behandlungsreihenfolge war uns neu (erst die maschinelle Nackenrasur, alles abföhnen, schneiden, dann waschen, wieder föhnen, dann endlich rasieren) aber das Resultat ist erfrischend. Erfrischend jung, denn Carsten traegt die modische Einheitsfrisur aller trendbewussten 17 Jaehrigen.
Sein Haar guckt (von Natur aus ohne Wirbel) dank viel Gel in alle Himmelsrichtungen und fındet bei der Dorfjugend, welche unseren Friseurbesuch aufmerksam mitverfolgt hat, viel Gefallen, er wirkt schlagartig 23 Jahre jünger! Allerdings riecht er nicht so, denn zu dem die Rasur abschliessenden Finish gehört ein Aftershave dass so streng schnuppert dass ich ihn bitten muss auf dem Heimweg hinter mir zu radeln.

Irgendwann müssen wir aber auch mal wieder weiter und so erkaempfen wir die Berge Richtung Bursa, unsere Körper bedanken sich mit einem ausgewachsenen Schnupfen für die Belastungen und den klimatischen Totalabsturz, es herrschen auf einmal nur noch 7-11 Grad Celsius tagsüber. Leider haben wir da nicht so recht das Auge für die Landschaften: endlose Olivenplantagen und riesige Feiegenbaeume, grüne Pinienwaelder, schroffe Steilküsten und kiesige Straende, alles bloss nicht flach oder langweilig.
In Kurşunlu werden wir von der Strasse aufgelesen, eine komplette Hausgemeinschaft (sie haben fast alle mal irgendwieirgendwoirgendwann in Deutschland gearbeitet) rettet uns in der hereinbrechenden Dunkelheit denn wir sind ohne Aussicht auf eine Campiergelegenheit.
Bei den einen essen wir, bei den anderen schlafen wir und Özkan kocht uns eine Hühnerbrühe zum Frühstück für baldige Rekonvaleszenz. Die Küstenstrasse als Umgehungsvariante für Bursa ist laut Strassenkarte landschaftlich besonders reizvoll. Stimmt, wir sehen viel davon denn der grobe Asphalt windet sich sowohl hochrunter als auch rechtslinks soweit es bautechnisch nur geht.
Meist übernachten wir inzwischen in den Gaerten von Tankstellen oder Restaurationen und treffen meist auf Unverstaendnis warum wir bei diesem Wetter draussen schlafen wollen. Manchmal gibt es aber auch viel zu lachen, einmal kommt Carsten beispielsweise mit Tropfen auf dem Jackenrücken von der “Tuvalet” und meint nur “ppschscht” als ich ihn darauf ansprechen will. Aber da haben es die anderen drei schon bemerkt und ich kann mir denken was ihm da drin passiert ist. Da ihm die Spülung zu dünnflüssig war wurde an den Haehnen rumgespielt, einer war aber von dem bisher unbemerkten Duschbrausekopf über ihm.
Der Chef geht jetzt mit ihm rein um ihm zu zeigen wo der Boiler ist schliesslich muss niemand bei ihnen kalt duschen. Ich überlasse es Carsten gern ihm drin zu erlaeutern was da wirklich passiert ist und er eigentlich gar nicht duschen wollte, ich kringel mich inzwischen draussen.
Mein Fett bekomme ich auch weg: mir wird wiederholt auch anderorts klar gemacht dass ich nicht so lange und so viel Radfahren sollte, “…Mensch, jetzt seid ihr schon fünf Jahre zusammen und noch keine Kinder, ob das gut ist, mit dem Fahrrad und so…”

Am naechsten Tag eine sportliche Leistung der besonderen Art: unsere kürzeste Etappe ist genau 1,57km lang und führt uns vor die Tore eines Kangal-Zuchtbetriebes. Wir haben da noch eine kleine Rechnung offen mit diesen riesigen Hirtenhunden, bisher haben sie uns gejagt, jetzt wollen wir sie uns mal eingesperrt von nahem (das haben wir bisher tunlichst vermieden) anschauen.
Wir bleiben laenger als geplant und werden sogar mit ihnen unter einem Dach schlafen und mit ihnen tanzen. Wie sagt man so schön, Platzt ist in der kleinsten Hütte. Die Haelfte der ca. 50 Tiere bewegt sich in einem grossen Freigelaende und ist sehr zahm bis verschmust, wir knuddeln mit winzigen Welpen und ausgewachsenen Zuchtrüden. Ersin übernachtet auch bei seinen Vierbeinern und es gibt ein kleines “Extrabett” dass wir nutzen können, draussen herrscht den ganzen Tag über ein Wetter bei dem man keinen Hund vor die Tür jagen möchte und uns auch nicht. Da wir so rumschnupfen und husten wie ein asthmatischer Kangale wird eingeheitzt. Zum Abendbrot herrschen in dem Zimmerchen dank glühendem Bullerofen klimatische Bedingungen wie im Hamam, wir löffeln “Biber Çorba” (Paprika-Chili Suppe), aber Ersin kennt keinen Schweiss und bleibt in seiner Vollgummihochseewasserdichthose und Regencape plus Mütze tapfer sitzen waehrend ich alle drei Minuten unter dem Vorwand mir ein neues Taschentuch holen zum müssen das Zimmer kurz verlasse.

Am naechsten Tag erreichen wir endlich Karacabey, wir müssen uns unbedingt auskurieren, suchen eine Pansiyon, finden aber ganz viele Menschen mit offenen Herzen. Kurioserweise gehören sie alle dem Berufsschlag an der bei uns im Alter von 7 bis 19 nicht übermaessig beliebt war: 5 Lehrer lernen wir in 24h kenen, sie sind wie kleine Engel: sie quartieren uns im Lehrerhaus ein (so eine Art Gewerkschaftshaus für Staatsdiener am jungen Türken), dolmetschen zwei Tage nonstop und geduldig, zeigen uns die Stadt, wir lernen ihre Familien als auch zusammen in geselliger Runde die Feinheiten der türkischen Küche kennen, trinken endlose Liter Tee mit uns und streicheln mit allem unsere Seelen. Uns wird in diesen Momenten bewusst wie wichtig diese Herzenswaerme für uns ist. So lange sind wir schon “in der Fremde”, wenn wir jetzt bspw. im spaerlich besiedelten Schweden waeren würden wir uns wohl manchmal ganz schön einsam fühlen.
Aber umso südlicher wir gefahren sind, umso offener und gastfreundlicher sind die Menschen, gelegentlich ist uns das sogar schon ein bisschen peinlich weil wir oft da wo wir anhalten für einen gnz schönen Rummel sorgen.
Jedenfalls werde ich von Orhan Atasoy in die Kunst des Messerschmiedens eingeweiht und stelle eine eigene Klinge her. Seine Werkstatt ist zeitweilig mehr Teestube und egal auf welchem Höckerchen man sitzt, immerwieder zwischen zwei Teeglaesern greift der Meister zur Zange und glühender Stahl wird neben einem ins Wasserbad getaucht. Ayşen und Can sowie die zwei passionierten Biker Hayati und Hasan lassen uns ein bisschen ins türkische Familienleben schauen, und so landen wir auf einer Beschneidungsfeier, deren spannendster Teil allerdings laengst vorbei ist. Alles was jetzt noch geschnippelt wird ist die kulinarische Versorgung für uns und ca. 496 weitere Gaeste. Die beeindruckende Frisur der Mutti hat ein halbes Monatsgehalt gekostet und sieht meisterlich aus; endlich eine Party von der ich nicht ungeküsst nach hause muss, im Auto wischt mir Carsten den Lippenstift der vielen Abschiedsküsse von den Wangen. Sehr wehmütig nehmen wir Abschied von Karacabeys tollen Menschen.

So wie man vom Regen in die Traufe kommt kommen wir von der Kaelte in den Regen, und der hat sich gewaschen. Ein enormes Tiefdruckgebiet versorgt die ganze westliche Türkei mit Dauerregen, was hier aussergewöhnlich ist und zu katastrophenalarmgleichen Zustaenden führt. Es herrschen allerdings wieder um die 23 Grad Celsius, weshalb wir von innen schneller nass sind als von aussen und de facto nix mehr trocken kriegen. Aber unsere Moral ist noch lange nicht so aufgeweicht wie der Boden auf dem wir schlafen - und wenn sie nicht ertrunken sind dann radeln sie noch heute…- zu den historischen Kulturschaetzen entlang der Aegeis.

30.09.2010 | ABWARTEN UND TEE TRINKEN

Bulgarien kommt unseren radsporlichen Belangen sehr entgegen: die Landschaft ist bei unserer Querung von Pleven über die Stara Planina Höhenzüge ins wilde Thrakien hinein sehr abwechslungsreich, die Lebenshaltungskosten für uns sehr günstig und die Landesküche ganz grosse Klasse. Als wir das Gebirge ueberqueren bibbern wir uns nach oben und nach unten, es ist so kalt das wir unsere Winterkleidung rauskramen um die Wollhandschuhe dann 1200Hm tiefer vor den verwunderten Augen kurzbearmter Kaffeehausgaeste wieder abzupellen. Die Landschaft wird erst Richtung Schwarzmeerküste steppenartig öd und trocken, waehrend wir uns drei Tage lang dem Gegenwind beugen und langsam auf dem rauhen Asphalt vorrankurbeln sehen wır riesige giftgrüne Eidechsen (lebend), armlange Schlangen (meist überfahren) und erste Schildkrötenkadaver, weshalb wir nur noch mit "Raschel-Stöckchen" ins Gebüsch gehen, sofern es welches gibt... Wir warten die letzten Ramadantage in Bulgarien ab und reisen pünktlich zum Çeker Bayram (Zuckerfest, 3 Tage Naschen und arbeitsfrei für alle) ein. Nach Russland wieder eine richtige Grenzkontrolle, wir werden 5 mal angehalten und befragt, man will uns nicht so recht glauben dass wir nur 50 Euro cash dabei haben und in den vielen Taschen bloss Lebensmitel und Kleidung; aber alles auspacken, da hat auch keiner Lust drauf. Lieber Carstens CO2 Hupe testen, das ist zwar ausdrücklich am Grenzübergang verboten (sind ja generell alle recht gruss- und daher auch hupfreudig hier), aber auf ausdrücklichen Wunsch der Grenzer machen wir Hupmusik unterm Metalldach und mit einem feinen Klingeln in den Ohren sind wir dann mit Winken, Lachen und einem Begrüssungsblümchen für mich auf türkischem Boden angekommen.

Der wird gleich testbezeltet: der Muezzin singt uns in die Daunen, die Hirtenhunde welche ganz allein die Herden nachts verteidigen sind nicht sofort einverstanden mit uns, aber wir beweisen Nerven, laengeren Atem und bleiben stur liegen. Wir haben jetzt weniger Eile bis İstanbul und entscheiden uns an der südlichen Küstenstrasse einzufahren, weshalb wir noch ein paar Mal im warmen Marmarameer baden können, es ist auch wieder heiss geworden: 35 Grad und ein heisstrockener Wind lassen uns auf dem Sattel zu Salzsaeulen erstarren. Die Einfahrt nach İstanbul braucht einen ganzen Tag, aber nach dem St. Petersburger Strassenchaos schreckt uns eh nix mehr, und so geht es 80km lang nur auf Stadtautobahnkilometern in die 17 Mio. Metropole. Schnurgeradeaus geht der Highway durch dichtbebaute Vororte, Shopping- und Gewerbegebiete, Industrieanlagen, Flughafenareale und weil niemand eine Kurve eingebaut hat über zahllose mehrere Kilometerlange Zieherberge: mit 7kmh hochschnaufen und mit 50kmh runterrollen um gleichwieder im naechsten Anstieg zu kleben. Unser Stadtplan beginnt erst im zentralen Touristenviertel Sultanahmet, wir schaffen es trotzdem ohne uns vorher zu verfahren im Laufe des Nachmittags reinzurollern, das will was heissen, man ist ja mit so viel Gepaeck nicht so scharf auf unnötige Umwege.

Wir bleiben insgesamt eine ganze Woche in İstanbul und sind schwer begeistert von der Stadt die mehr Einwohner hat als die gesamten Niederlande. Überall ein wildes Konglomerat der Jahrtausendealten Historie, den Besatzern und Herrschern, christlicher, orthodoxer und osmanischer Kulturen. Alt und neu, schön und schief, modern und marode, verschnörkelt und verlebt, repraesentativ und restaurierungsbedürftig, Prunkprotz und Verfall sind keine Gegensaetze ım Strassenbild sondern sind die Paare welche die Stadt zusammenhalten. Ein grosses Wiedersehen versüsst uns den Aufenthalt: meine Mutter und meine Freundin begleiten uns ein paar Tage, wir geniessen das Bummeln ueber endlose Basare, besichtigen Moscheen und geniessen İstanbul aus den zwei wahrscheinlich schönsten Perspektiven. Vom Wasser aus, per Boot langsam auf dem Bosperus dahinschaukelnd und abends von der Dachterasse aus wenn der Muezzin ruft und die Dampfschiffe auf dem Goldenen Horn tuten. Nach einer Woche Grossstadtchaos setzen wir mit unseren treuen Packeseln nach Yalova ueber und sind wieder in den Bergen. Wir nennen uns fuer 4Tage Grossgrundbesitzer: ein kleiner Bungalow samt Garten wird uns von einem "überdreiecken" Bekannten zur Verfügung gestellt, wir sitzen den halben Tag einfach nur auf der Terasse und blicken vertraeumt ins Tal, sammeln uns für die Weiterreise und verarbeiten das bisher Erlebte. Und so grüssen wir euch alle von unserem einsamen Berg und sagen "Güle Güle"!

09.09.2010 | Auf Bärenjagd in den Karpaten

In der ungarischen Talsohle erleben wir tagtaeglich tropische Hitze, bei 40Grad und extremhoher Luftfeuchte schmelzen wir gen Sueden. Fast allabendlich ziehen riesige Gewitterwolken auf, maechtig sind sie von ihrer Reise ueber die Tieflandebene, wo sie kein noch so kleines Huegelchen aufhalten kann. Ein Regenguss laesst uns komplett absaufen, 10cm tief steht das Wasser auf allen Wiesen, am naechsten Tag brauchen wir, und bekommen ihn, einen Schutzengel. Das Gewitter was wir in dieser Nacht erleben bringt uns an die absolute Angstgrenze, ein dreistuendiges Blitzinferno geht nieder, wir liegen zwar optimal geschuetzt, sofern das in einer hundertekilometerweiten, offenen Landschaft ohne Baum und Strauch moeglich ist, aber an dieser Stelle trifft sich alles an Gewittern um zu demonstrieren was Naturgewalt heisst. Der Sturm presst unser Zelt auf die Haelfte der ueblichen Groesse zusammen, das Gestaenge liegt auf unseren Schultern auf und die Koepfe werden durch die Plane wie durch eine Muetze rausgepresst. Mit angewinkelten Beinen hocken wir auf einer Isolierschicht aus Schlafsack und Isomatte, ringsum prasseln die Blitze nieder, es flackert nur noch, ohne Pause, das Donnern schwillt zu einem Permanentton an, so stelle ich mir einen Stukaangriff vor, wir fangen unkontrolliert an zu zittern, zu wimmern, wir haben eine Heidenangst dass einer dieser Millionen von zufaellig niederrauschenden Blitze nicht mehr neben sondern auf uns einschlaegt. Nach drei Stunden koennen wir langsam durchatmen, die Gewitter teilen sich wieder auf und ziehen in verschiedene Richtung weiter, inzwischen stinkt die Luft im Zelt von unserem sauren Angstschweiss, ich kann ganz schwer beschreiben wie schlimm das war, ich habe wirklich nicht mehr gewusst ob ich nochmal ganz normal aufwachen darf, wir haben so ein Glueck gehabt, sogar das zelt ist noch heil! Alles ist ganz unwirklich und die Erlebnisse dieser Nacht hallen noch lange nach. Aber wir brauchen unsere Kraefte noch fuer Rumaeninen, viel hoert man, aber wie das so ist, man sollte sich besser selbst ein Bild machen.

Die flache Landschaft geht schnell in schoenstes Mittelgebirge ueber, endlich wieder dichter Wald, Schatten und entsprechende Tierwelt, welch Erholung fuer die Sinne. Die Menschen am Strassenrand in den kleinen Doerfern sind sehr freundlich, so oft werden wir gegruesst und sagen Buna Ziua zurueck, das erinnert mich ans Museum... Auch die Hunde werden mehr, aber so langsam kriegen wir den Dreh raus, es gibt drei Arten zu unterscheiden: A) die wilden Strassenhunde, herrenlos, immer hungrig, aber viel zu schlapp um irgendetwas noch angreifen zu koennen schleppen sie sich delirioes am Strassenrand entlang und sind wenn nicht heute dann morgen mit Sicherheit ueberfahren. B) die Dorfhunde liegen in grosser Anzahl vor den Hoefen und beaeugen uns neugierig: was ist das: es ist bis auf den klackernden Leerlauf der Nabe fast geraeuschlos, riecht aber wie Mensch und ist fast so schnell wie ein Moped? hier hilft es einfach genauso langsam wie die anderen Radfahrer mit ganz grossem Gang und sich laut unterhaltend vorbeizurollen, das kennen sie und das macht sie auch nicht nervoes. C) die Wachhunde an offenen Gewerbehoefen, sie kommen blitzschnell und hoechst aggressiv aus Einfahrten geprescht oder kommen schnell und Tempobeachten auf einen zugelaufen um dann Richtung Wade zu beissen, wenn man sie anschreit und mit Steinen bewirft sollte man treffen und sich genug Kraft zum Wegfahren bereithalten, sonst no chance...die sind darauf getrimmt und lassen sich auch nicht ablenken.
Aber wir haben nicht ein einziges Mal unser Pfefferspray einsetzen muessen und raten auch davon ab, denn die Hunde merken sich dass und irgendwann kommen ja auch vielleicht mal wieder Reiseradfahrer da lang...Aber summasummarum lange nicht so schlimm wie befuerchtet, wir sind nie in wirklich "kritische" Situationen gekommen!

In Sebes und Sibiu angekommen machen wir einen Tag Pause und schauen uns die Staedte an, was ein angenehmes Kontrastprogramm zu den sonst sehr rural gepraegten Ortschaften ist. Dann kommen die Suedkarpaten und mit ihnen die groesste europaeische Braunbaerenpopulation von ca. 7.000 Brunos. Im Kreis Brasov sind wohl schon Baeren nachts in Zelte gepurzelt... und da wir unseres behalten wollen werden wir hier dann doch auf`s Wildcampen verzichten. Die hoechste Passstrasse Rumaeniens erwartet uns, zwei Paesse von je 1660m, insgesamt knapp 200km erst suedlich, dann nach Osten querend haben wir uns ausgekaspert, na denn mal los. Bis auf 20km ist die Steigung moderat und sehr gut zu fahren, man schont sich soweit dass im Gebirge eben geht und geniesst die atemberaubend schoene Bergwelt. Leicht truebt sich die Freude ueber die Strassenzustaende, der Asphalt ist regelmaessig und auf langen Stuecken entweder durch Steinschlaege (es gibt hier nicht ein einziges Warnschild, sondern nur drohende, groesse Steinlawinen am Rand) unter Schutt begraben. Andernorts ist eine Fahrbahnhaelfte auf einem Kilometer durch Schmelzwasser weggerissen, es warten Bausetllen, Sand, Steine, Schutt, alles moegliche. Ach ja, und wenn man sein Fahrrad oben angekommen fuer ein Foto an den zwei Stauseen abstellen moechte, beachte man bitte die Tatsache dass es kein Gelaender gibt, nicht dass das Rad 50m in die Tiefe plummst, waere aergerlich... Die Abfahrt wird kein grosses Vergnuegen, die Strassenbaustellen machen es moeglich dass man runter zu langsamer ist als hoch, dafuer hat man waehrenddessen Zeit sich die Behausungen der Tageloehner anzuschauen die sich kilometerweit an der sehr selten durch Autos und noch weniger durch Touristen frequentierten Passstrasse entlangschlaengeln. Einfachste Unterschluepfe aus Plastikfolie und Zweigen, kleine Feuerchen davor, manch eine Familie verkauft gesammelte Beeren und Sirup, hunderte gibt es davon, es ist ganz elend. Am zweiten Tag sind wir durch und verlassen die Berge (ohne einem Baeren oder Wolf, dafuer aber einem wilden Huetehund und einer ungestuemen Kuh mit verdrehten Hoernern begegnet zu sein) und rollen ins suedliche Rumaeninen.

Die Landschaft wir an sich extrem reizlos, Maisfelder und Sonnenblumen, meist aber schon geernet und umgegraben, die Felder erinnern an Schilderungen agrarischer Bestleistungen in sozialistischen Pamphleten: sie reichen bis an den Horizont, wohin man auch blickt, wir radeln 50km an einem einzigen Feld entlang. Insgesamt sehen wir 5 maschinelle Erntehilfen, alles andere scheint mit Ochs` und Esel gemacht, es wird stuendlich aermer, aermlicher, elend. In den Orten, zwischen den Haeusern und an den Strassenraendern tuermt sich der Muell und ernaehrt die zahllosen wilden Hunde die einfach ueberall sind. Die ueberfahrenen Hunde bleiben auch bei 40 Grad einfach vor der Hofeinfahrt liegen, es stinkt bestialisch, niemand ist oder fuehlt sich zustaendig, Muellabfuhr und Strassenreinigung gibt es nicht, alles an Tieren sieht unterernaehrt und verwurmt aus, die Strassenraender, Felder und der eigene Hausmuell werden einfach verbrannt, da wo man gerade hockt oder steht, es treibt uns vor Qualm und Wut die Traenen in die Augen. Dabei ist es nicht so das die Rumaenen hier alles willentlich vergammeln lassen, sie haben einfach nix. Viele Geschaefte sind nicht schlecht sortiert, sie sind faktisch leer. In Bars gibt es einen Kuehlschrank mit je 2mal Cola und Fanta, das ist alles. Die Menschen fegen die Hoefe mit Reisigbuendeln, fahren Uraltklapperkisten (nur Dacia) oder Eselswagen, sammeln Brennmaterial auf den abgeernteten Maisfeldern, reparieren was und wie sie es nach besten Moeglichkeiten nur koennen. Wir finden keinerlei Anzeichen von touristischer Infrastruktur mehr, keine Kneipen oder Restaurants wo man mal was essen koennte, geschweige denn uebernachten. Und Picknick ist auch nicht so toll, wegen dem Muell und den Hunden, wir sind wie auf der Hatz, wir koennen nirgendwo bleiben, es gibt kein schoenes Fleckchen mehr. Und so peitschen wir uns Richtung Grenze, fahren in den letzten zwei Tagen uber 240km und warten in Turnu Magurele auf die Donaufaehre. Es macht uns so wuetend das die Rumaenen versuchen muessen die EU Regularien zu erfuellen, in 3 Jahren bekommen sie die Euro Waehrung, dann wird alles noch teurer, die Gehaelter im oeffemtlichen Dienst sind im letzten halben Jahr um 25% gekuerzt worden (ca. 350Euro Durchschnittsverdienst), die Mehrwertsteuer liegt bei 24%, das ist alles echt hart. Mit zwei sehr kontroversen Rumaeninenbildern nehmen wir nach abenteurlicher Faehrverschiffung Abschied von Rumaenien, dem Land der bisher freundlichsten, selbstlos teilendsten Menschen mit hartem Joch aber einem Riesenpaket an Lebensfreude und irrelustiger Musik. Wer nicht "Mallorcadreisterneallinclusiveansprueche" hat und neugierig ist dem empfehlen wir dieses Land, bringt eure Touristeneuro in Regionen die nicht so gesaettigt und ausgelutscht sind wie andere, und die noch nix von dem fetten Kuchen abbekommen haben. Wir sind nicht ein einzigesmal bedroht worden, die Autofahrer sind sehr umsichtigt, niemand hat auch nur versucht uns zu bestehlen, die Landschaft und die Menschen sind es wirklich wert!

Nun machen wir aber in Bulgarien erstmal zwei Tage frei und erholen uns von den Eindruecken, nur noch ein Land und wir erreichen unser erstes grosses Zwischenziel, die Tuerkei wo wir das erste Mal "Heimatbesuch" in Istanbul empfangen werden - nur noch 20mal schlafen...

08.09.2010 | ROT wie die Paprika, WEISS wie der Wein, GRUEN wie die Pusta: SZIA AUS UNGARN!

Es hiess Abschiednehmen in Kleipeda: die Ostsee hatten wir bis auf den Kaliningrader Zipfel komplett umrundet, samt aller Auslaeufer im mehr oder auch weniger engen Radius, sind drin geschwommen, eingetaucht und haben auch ein bisschen was geschluckt. Ein grosser Brocken Wasser, ein zentrales Ziel der Tour und ein Wunschtraum von uns beiden liegen damit hinter uns. Ein bisschen Wehmut ist also dabei als wir in Palanga nochmal einen ganzen "nurbadenundamstrandrummgammeln" Tag einlegen, danach geht's mit leicht verbranntem Popser (der kriegt ja sonst nie Sonne ab) durch Litauen hindurch ins polnische Masuren. Auf dem Weg nach Warschau holt uns der Regen ein, wochenlang waren wir nur durch schwűlheisse Hitze geradelt, froh űber jeden Hauch Wind. Das forderte seinen Tribut und bis kurz vor Warschau werden wir auch den nervenfressenden Transitverkehr nicht los. Seit mehr als 2000km sind wir den Brummis ausgeliefert, nicht das sie uns gegenueber ruecksichtslos gefahren waeren. Aber es frisst schon ganz schoen Substanz immer in Habachtstellung und nervlich hochkonzentriert zu fahren. Jedenfalls machen wir in Kaluszyn drei Tage Urlaub vom Reisen um uns auch seelisch wieder herzustellen und fahren auf einen Abstecher nach Warschau.

Frisch und mit vom Strassenstaub und Abgasschmutz befreiten Klamotten radeln wir durch das zentrale und suedliche Polen, welches landschaftlich immer schoener und idyllischer wird. Jeden Tag treffen wir wunderbare Menschen die sich einfach nur so riesig ueber uns freuen und dass wir ausgerechnet bei ihnen nach 6l Leitungswasser (fuer Abendbrot, Katzenwaschdusche und Fruehstueck) fragen, da bekommen wir ausser einem sehr freundlichen, polyglotten Gespraech immer noch irgendetwas geschenkt: Limonade, frische noch euterwarme Kuhmilch, Energieriegel, Kekse... Das geht teilweise auch in der Slowakai weiter so, die Grenze ueberrollen bzw. ueberklettern wir "gruen", und es geht in den Beskidenauslaeufern der Karpaten teilweise recht knackig sowie unbefestigt hoch und runter. Nur zwei Tage sind wir hier und bekommen wohl einen Vorgeschmack auf "Rumaenien light", sehr viele sich selbst ueberlassene Romakinder lungern an der Strasse und in den aermlichen Ortschaften.

Ungarn beginnt dann erstmal ziemlich bergig, zwischen 500 und 800m sind die Weinberge in der Tokajregion hoch. Ungluecklicherweise besteht der Rest des Landes anscheinend aus feuchten Wiesen und Sumpf, unsere Lieblingstiere laufen wie zu Finnlandtagen zu Hochform auf... Sie werden hier sogar chemisch bekaempft, jeden Nachmittag kommt der Hubschrauber und verstreut irgendetwas, und es ist trotzdem noch wirklich schlimm mit dem Stechinsekt! In Tokaj bleiben wir ueber Nacht und waschen wieder einmal: auf dem Bild ist die "2. Spuelung" von Waesche zu sehen die wir vor 10 Tagen gewaschen hatten, inkl. aller Wechselsachen versteht sich. Abends kosten wir uns durch die hiesigen Weissweine und werden alls bekennende Rotweinliebhaber wirklich etwas schwach, was nicht nur am geistigen Inhalt des Traubentrunkes liegt, denn der Muskaty ist wirklich ganz lecker. Uebrigens sind wir bis jetzt voellig plattenfrei unterwegs - bald 8.000km und nicht mal Nachpumpen war noetig, jeden Tag lasten ca. 110kg auf den Reifen, ueber Stock und Stein, Schlagloecher und auch mal Brombeerdornen, also diese Tourenmaentel von Schwalbe muessen echt mal gelobt werden! Noch zwei Tage radeln wir durch die Pusta, nach Debrecen und dann nach Rumaenien. Durch's schoene Siebenbuergen, auf ins Land der Tuerken!

02.08.2010 | OSTSEESONNESATT

Nach fast 500km durch den westlichen Zipfel Russlands und unzaehligen, durch ein bisschen Asphalt aneinandergereihten, knietiefen Schlagloechern rollen wir wieder auf EU-Boden. Unmittelbar nach der russisch-estnischen Grenze macht sich dies nicht nur in vorzueglichen Strassenbelaegen sondern auch durch ein wenig freundlichere Menschen bemerkbar. Das Baltikum empfaengt uns sonnig heiss, es ist Badehochsaison was wir weidlich nutzen, schliesslich radeln wir fast permanent in Kuestennaehe und die Strassen sind absolut Baumlos, weshalb uns den ganzen Tag die Sonne auf den Kopf prasselt. In Nordostestland ist alles Steilkueste, aber wenn man die Schleichwege nach unten kraxelt ist man an einem fast menschenleeren Strand.

In Tallinn machen wir wieder 2 Tage Hauptstadtbummel, mischen uns unter das Fuss(gaenger)volk und erschlendern uns die vollstaendig erhaltenene mittelalterliche Altstadt, trinken abends ein, zwei, drei Bier in einer Kneipe voller Menschen und gucken Fussball. Also das volle Kontrastprogramm zu unserer sonstigen Abendgestaltung.
In Paernu planschen wir in der sprichwoertlichen Badewanne des Baltikums, praktisch die Bucht in der Bucht, das Wasser ist wie im Balaton, nur sauberer, aber man laeuft ewig rein und es ist kuschelig warm. Der Sand ist wie Puder, was toll ist, bis man sich wieder die Radelhose ueberstreift und dann im Sattel merkt, dass da doch noch Sand ist...

Die Sommerzeit ist auch die Zeit der Insekten, von Muecken will ja niemand mehr sprechen, aber jetzt kommen riesige Bremsen dazu, wir haben hier kleinfingergrosse Prachtexemplare gesichtet und vom Ruecken verscheucht, denn die fahren gerne auf der Schulter mit und knabbern an uns. Vor Insekten und der unbarmherzigen Kombinationshitze von Sonne sowie Asphaltreflektion fluechten wir regelmaessig ins Wasser. Hatten wir in den skandinavischen Regionen unserer Reise noch unter akutem Badewasser- bzw. Waschmangel gelitten, tauchen wir jetzt sooft es geht ins Wasser. Morgens schon die kurze Erfrischung vor den obligatorischen Haferflocken, dann am nachmittag nach sonnigen 50km eine lange Siesta am Wasser bis 18 Uhr, dann nochmal 20 oder 30 km bis wir wiederum in die Fluten steigen koennen und gleichzeitig auch campieren.

Genial ist das jeder Balte ein natuerliches Anrecht auf Strand zu haben scheint, es gibt keine Zaeune oder Kassenhaeuschen, jeder darf baden wo er will, alle verhalten sich verantwortungsvoll und nehmen selbstverstaendlich Muell etc. wieder mit. So kommen wir in den Genuss voellig unbehelligt und wohlwollend gedulded unsere Finca aufzubauen wo immer wir wollen.

In Riga angekommen treffen wir auch wieder auf Anne, sie ist 4 Wochen ganz allein auf Radeltour von Estland nach Berlin unterwegs. Wir hatten uns vor Tallinn schon getroffen und sind zwei Tage zusammen geradelt und gezeltet, dann trennten sich die Wege und wir sind wiederum sehr froh, nicht diesen Zeitdruck zu haben. Hier in Riga fuehlen wir uns gleich sehr heimisch, die grossen Jugendstilwohnbauten und der quirlige Grossstadtflair im kompakten Massstab erinnert uns sehr an Leipzig. Morgen geht es wieder los, wir sind fusslahm und zivilisationssatt. Wir werden streng oestlich an die Kueste radeln, treffen dann dort auf die offene Ostsee und halten uns dann Suedlich, durch Litauen an Kaliningrad vorbei nach Polen. Bis die Tage, viele liebe Gruesse von den beiden Radelnixen.

01.08.2010 | Pedale auf und nieder, Grüße aus St. Peter!

Sdrastwujtje!
Wir sind nach einer langwierigen Grenzueberfahrt gut in Russland gelandet, die Strassenverhaeltnisse und das Verhalten der Autofahrer sind besser als befuerchtet, auch wenn man mal 50km nur ueber eine Piste rumpelt und durch kasernengleiche Ortschaften rollt die maroden Vorkriegscharme verbreiten. Unser Schulrussisch wird aufgefrischt und wir kommen sprachlich somit besser als in Finnland zurecht. St.Petersburg selbst erweist sich fuer Radfahrer als harte Nuss, im Einzugsgebiet leben fast 6 Mio. Menschen, Radwege gibt es natuerlich nicht, und wer meint auf dem Fussweg besser unterwegs zu sein als auf der 6 spurigen Strasse der hebt seinen Packesel alle paar Meter ueber 50cm hohe Bordsteine. Aber ganz oft kriegen wir den "Daumen-oben" und die Leute sind doch sehr hilfsbereit. Dekadent naechtigen wir hier zentrumsnah im Hotel und geniessen den Luxus: Dusche jeden Tag, ueberall trocknende Waesche, der Boden sieht aus Radueberholungstechnischen Gruenden aus wie in einer Werkstatt. Wir bleiben 3 Tage und sind inzwischen total fusslahm, nach dieser ausgleichsgymnastischen Uebung bei konstant 28 Grad und Ostseesonnenhimmel freuen wir uns aber auch darauf morgen wieder aufzusitzen und in Richtung Westen zu radeln.

Damit aber nach meinen vorrangegangenen Lobeshymnen in den letzten drei Monaten auf das selbstbestimmte Sattelkarawanenleben nicht nur Neid aufkommt, will ich vielleicht kurz auch von unseren Missgeschicken berichten. Zuallererst haben wir ausserhalb groesserer Ortschaften extrem mit Muecken zu kaempfen. Daher entscheiden wir anhand einer selbsterfundenen Skala je nach Mue (Mueckenbefall in wenigen Sekunden pro freigelegtem Koerperteil) ob bspw. Fruehstueck und Abendbrot im Zelt eingenommen werden oder ob wildes Fuchteln ausreicht. So kommt es regelmaessig vor dass wir trotz schoenstem Sonnenschein in voller Regenmontur mit Moskitokopfnetz schwitzend unseren Haferbrei loeffeln. Nachts summen einen dann eine Armada Moskitos in den Schlaf, unzaehlige von ihnen sammeln sich schoen windgeschuetz im Vorzelt und warten nur darauf dass einer nochmal ins Gebuesch muss...Ueberlege manchmal schon einen ausgehungerten Frosch vor dem Zelt zu postieren, der waere dann auch zwecks Wetterprognose recht hilfreich und koennte ebenso als Vorkoster herhalten.

Denn auch kulinarisch geschieht mitunter ein dramatischer Irrtum. Denn wir greifen gern auch auf regionale Kost zurueck, als Ueberraschungseier kaufen wir dann Produkte deren Verpackungsbeschriftung wir nicht entziffern koennen. Da das Finnische fast nur aus uns ungewohnten Vokalkombinationen besteht fand auch mal eine Packung mit (so vermutete ich) dunklen Teigplinsen in unseren Einkaufskorb, der Serviervorschlag riet laut Packungsfoto zu roten Beeren. Davon ausgehend in eine Suessspeise zu beissen wunderten wir uns nur maessig ueber den seltsamen Beigeschmack und wuerzten grosszuegig mit Honig nach. Carsten kaute gerade die letzten zwei Plinsen die wir tapfer aufessen wollten, da finde ich kleingedruckt auf der Rueckseite die schwedische Inhaltsangabe, die lautete in etwa so:"Bloedploettar. ingredenser: 50% Bloed, ...". mehr musste ich nicht lesen und konnte mir ein verzweifeltes Grinsen (wir essen 99% vegetarisch, soweit es moeglich ist) nicht verkneifen. Da wurde Carsten stutzig und ich erklaerte ihm unsere zweifelhafte Kost, da bleibt ihm direkt der letzte Bissen in der Kehle stecken und ich sehe foermilch dass er ueberlegt hier vor allen Leuten den Mundinhalt Richtung Asphalt zu befoerdern. Noch lange stossen wir nach dieser Widerlichkeit auf und ich entschuldige mich unzaehlige Male bei meiner Zunge und meinem Magen fuer dass was ich ihm da zugemutet habe. Um bei gelegentlichen Unpaesslichkeiten zu bleiben, auch unsere Koerper mokieren sich gelegentlich ueber die viele Bewegung, so ist das Radfahren nicht jeden Tag gleich starker Genuss. Es gibt immer mal Tage wo man schon morgens beim Anziehen etwas bummelt weil man irgendwie muede ist, alles ein bisschen zwackt, man dann auf dem Rad stets gaehnt und irgendwie sich mehr als sonst auf den Abendrastplatz freut. Da wird der Gegenwind noch gemeiner, der Hunger will eine Stunde nach dem Essen wieder seine Aufmerksamkeit, die Berge nehmen kein Ende, einer von uns wird dann angeblich immer schneller und wenn dann noch Regen dazu kommt ist manchmal nicht mehr so gut Kirschen essen...


Die Isomatte war am Anfang einfach nur hart, inzwischen jedoch fuehlen sich allabendlich die anderthalb Zentimeter Gummischaum total kuschelig an. Aber auch darum geht es ja und am naechsten Tag weiss man wieder warum man all das auf sich nimmt und sich dann so wie bei grossen Stadteinfahrten drei Stunden Maeandern durch dichtesten Verkehr, Gehupe, Gesuche, Verfahren etc. auf sich nimmt. Weil es eben besonders schoen ist zu verinnerlichen ganz allein die 5000km bis in eine so wunderschoene, geschichtstraechtig-opulente Metropole wie St. Petersburg gefahren zu sein. Trotz aller Widrigkeiten, Steine und Schlagloecher die einem so in den Weg gelegt sind. Weil es am Strassenrand so viele freundliche, liebe Menschen gibt die einen, manchmal auch nur fuer einen Augenblick, begleiten und uns auch wieder Kraft geben fuer den naechsten Abschnitt.

20.06.2010 | Mit genügend SISU kreuz und quer durch die gruene Hölle

Finnland besteht in erster Linie aus Wald. Dann aus Seen. Und dann aus verstreut an wunderbar huegelig sich dahinwellenden Landsträsschen liegenden Kleinstortschaften mit eindeutigem Hang zu osteuropäischer Architektur. Aber huebsch und die Finnen sind ausgesprochene Sportsfreunde, the Spirit of SISU is everywhere. Unser urspruengliches Vorhaben nach Grenzuebertritt am 22.5. direkt von der Kueste nach Suedost ins Landesinnere Richtung Kuopio wegzubiegen wird durch eine gerissene Felge vereitelt. Mit einem Gewaltritt bei starkem Dauerregen auf einer E-Strasse (jeweils allein schon ein eher zweifelhaftes Vergnuegen hasten wir nach Oulu, die grösste nördliche Stadt Finnlands, wo wir ziemlich viel Glueck haben und alle benötigten Teile muehelos erhalten und auch die Werkstatt 2 Stunden in Beschlag nehmen duerfen.
Dann aber rein in die Gruene Hölle, der Wald verschluckt uns jeden Tag auf's Neue und wird uns erst hinter Lahti wieder freigeben. Genussradeln pur in Finnland, von See zu See, letztere dehnen sich immer weiter aus und mit einem Segelboot bräuchte man sicherlich Jahre um alle Winkel zu erkunden. In Kuopio machen wir 3 Tage Erholungsurlaub. Bei sommerlich warmem Badewetter geniessen wir die allmorgendliche Sauna sowie das anschliessende Bad im See und trinken, da unsere genehmigten Russlandvisa hier eingetroffen sind, nach mehr als 8 Wochen Abstinenz eine Flasche Rotwein.

Ab jetzt haben wir wirklich viel Zeit, unerwartet schnell hatten wir Schweden und den Winter abgeradelt, so tingeln wir fuer 2 Tage in die Hauptstadt und fahren jetzt fuer die verbleibenden 10 Tage wieder nach Norden, ins finnische Karelien bevor uns die Pneus nach St. Petersburg tragen. Gestern abend durften wir einen Vorgeschmack der tuerkischen Gastfreundschaft geniessen und wurden, praktisch von der Strasse weg, von einem Pidebäcker ins "Pepperoni" gelotst, mit suessem Zuckerkuchen bezirzt um dann anschliessend noch zusammen mit ihm Fussball zu gucken. So bilden wir schnell die Attraktion des Ortes und alle in der Nähe schauen neugierig mal herein, fragen nach dem Woher und Wohin (ähnlicher Effekt tritt auch auf wenn wir in einem Supermarkt unsere Vorräte auffuellen) befinden uns immer fuer "crazy", insbesondere da wir vorhaben nach Russland zu reisen... Und so kuscheln wir uns abends wieder einmal auf eine andere Waldwiese, lauschen noch kurz dem Gezwitscher oder auch den Regentropfen auf dem Zeltdach und entschlummern dann sanft in der stabilen Seitenlage, letztere hat sich bei stets wechselnden Untergruenden als bequemste Schlafposition bewährt.

Pedale auf und nieder, wir fahren nach St. Pieter.

01.06.2010 | Ay Caramba, wir fahr'n nach Haparanda!

So lautete unser allmorgendlicher Schlachtruf der letzten 750km, Sundsvall, Umea, Lulea und auch Haparanda liegen inzwischen hinter uns, seit gestern sind wir in Suomi. Ein ganz schöner Batzen Landschaft den unsere Radels abgespult haben, aber der Fruehling, den wir so weit hinter uns dachten, kam uns von Norden entgegen und wir sind richtig ins frische Birkengruen und in die fruehsommerliche Wärme hineingefahren. Es wurde so heiss, teilweise 28Grad, dass sogar die Elche baden gegangen sind, ein imposanter Eindruck wenn so ein riesiger beschaufelter Kopf durch die Hochwasser fuehrenden Fluesse gleitet. An dieser Stelle noch kurz ein Schwedischer Running Gag: Da steht ein Elch im Wasser und trinkt, beobachtet sein Spiegelbild dabei wohlwollend im Wasser und meint laut: " Was bin ich so schön, so stark und majestätisch, ich muss der König des Waldes sein." Der Bär, der hinter dem Elch ebenfalls durch das Wasser tappert hört das und fragt provokativ "Wie bitte?". Darauf der Elch "Ach, ich rede einfach zuviel wenn ich trinke.". Hört man in Schweden alle Nase lang wenn das Gespräch auf Elche kommt... Vorgestern hatten wir in Töre den nördlichsten Punkt unserer Reise erreicht, auch der nördlichste Zipfel des Bottnischen Meerbusens, bzw. der Ostsee, befindet sich dort. Da lag es nahe vielleicht noch 150km weiter nördlich zu fahren um den Polarkreis zu erreichen, aber seit Wochen pilgern Scharenweise Wohnmobile aus ganz Europa nur in diese eine Richtung an uns vorbei, da heben wir uns dass fuer ein andermal auf und fahren dann vielleicht auch lieber bis zum Nordkapp ganz hoch. Es wird auch so schon nicht mehr dunkel hier, alles ist Tag und Nacht auf Achse, Menschen, Autos und die Muecken natuerlich, welche hier mal winzig klein, flink sowie hyperaggressiv sind und nur in Schwarmverbänden auftreten, aber auch grosse, schwere Exemplare mit ledrigen Fluegeln und 5mm langem Strohhalm gibt es, die sind etwas langsamer und besser zu erwischen. Neben diesen ausfuehrlichen Beobachtungen die hiesige Fauna und Flora betreffend, Zeit haben wir schliesslich genug, versuessen wir uns so manche Kilometer mit Musik vom MP3 Player. Optimal dass wir das B&M E-Werk dabei haben, total autark können wir so unseren Ladestrom selbst generieren, und auch sonst ist unser Material tipptopp und wir sehr zufrieden.

In Finnland nun gehen die Uhren anders, hier ist es bereits eine Stunde später, was ja aber auch keinen wirklichen Unterschied bedeutet, hell ist es allemal. Aber kaum in Tornio angekommen, werden wir von Finnen angesprochen und auch eingeladen, das ist uns in Schweden nicht passiert, zwar war man auch dort neugierig und interessiert, aber sehr viel defensiver und unverbindlicher. Zwei Stunden nach Grenzuebertritt sitzen wir, die wir hier uebrigens "Saksa" heissen und auch "saksa" sprechen (ganz Deutschland ist "Saksa"), in einer echten finnischen Sauna, mit einem echten nackten Finnen, trinken ein echt finnisches Bier und echten finnischen Wodka. Kurioserweise war Keri vor zwei Jahren mal in Muenchen, denn Bier hat einen ähnlich wichtigen Stellenwert wie in Bayern und somit sind solche Tripps, ua. ins Hofbräuhaus, als Bildungsreisen zu bewerten. Aber Keri war auch in meiner ehem. Wirkungsstätte, weshalb wir uns hier Fotos aus dem Museum anschauen können, dabei einen extra Gruss an meine Kollegen dort ;-) Es gibt etwa 5,3 Mio. Finnen, 600.000 von ihnen leben in der Hauptstadt, da kann man sich vorstellen wieviele, bzw. wie wenige, sich auf den restlichen Quadratkilometern verteilen, 10% der letzteren bestehen dann auch noch aus Wasser und nur 9% werden landwirtschaftlich genutzt. Gestern haben zudem die Tschechen im Eishockey die Schweden in Köln besiegt, die Finnen waren selig ...
Eine frohe Botschaft erreichte mich am Geburtstag, den wir mit Rotkäppchensekt aus einem HeimatSurvivalPackage begiessen: unsere Visa fuer Russland sind genehmigt, so ist der Weg gen Suedosten, St. Petersburg, jetzt offen.

02.05.2010 | HEJ STOCKHOLM! TACK!

Seit knapp zwei Wochen sind wir nun also in Schweden und sind schwer begeistert, ohne jemals vollbluetige IKEA oder Knäckebrot-Fans gewesen zu sein.
Auch wenn es nach wie vor sehr winterlich kuehl, mit vereinzelten hartnäckigen Schneeresten am Wegesrand, ist - wir fuehlen uns pudelwohl hier. Zum einen herrscht hier das Jedermannsrecht und es ist auch fuer die Schweden völlig normal ueberall zu campieren, laut eigenen Angaben verbringen sie ihren ganzen Sommerurlaub ständig so. Dann ist die Natur (nennt man hier Milljö) natuerlich atemberaubend: weit, wild, wunderschön. Die Menschen sind ausgesprochen zuvorkommend und hilfsbereit, egal ob es um Trinkwasser, eine Auskunft oder sonstige Hilfe geht.

Seit Samstagnachmittag sind wir in Stockholm und der Pacer steht auf knapp 2.000 km. Sicherlich kann man schneller und auf kuerzeren Wegen herkommen, aber der Umweg zeigte uns in Dänemark und Suedschweden artenreiche Wildvogelparadiese, eiszeitliche Schären- und Moränenlandschaften, auch erste freilebende Elche sind uns am Wegesrand begegnet, stets bergan- und ab, links und rechts verlaufen viele gut zu fahrende Strassen mit Bilderbuchhäusern.
Wann die Sonne aufgeht wissen wir nicht (der Wetterbericht meint ca. 4:40h), wir schlummern meist eingemummelt bis zu den Ohren in voller Thermounterwäschen- und Daunenschlafsackmontur bis ca. 8 Uhr, starten irgendwann so zwischen 9 und halb 11, machen am fruehen Nachmittag ca. 1-2h Rast, manchmal inner- und manchmal ausserorts, und suchen uns gegen 18 Uhr ein Quartier in Wald, Feld und Flur. Bis nach 21 Uhr kann man im Zelt noch lesen ohne die LED Lampe anschalten zu muessen, spätestens 10 Uhr ist es dann auch draussen stockfinster.
Klingt vielleicht so recht unspektakulär, doch verarbeitet man doch jeden Tag viele optische Eindruecke und wir geniessen es auch sehr uns auf weniger, dafuer umso intensiver, mit diesen Dingen oder auch Gedanken befassen zu können. Und fuer die intellektuellen Herausforderungen haben wir entsprechende Literatur, und damit meine ich nicht nur ein Rätselheft, dabei.
Für Freunde von Städtereisen wollen wir Stockholm wärmstens empfehlen, wir waren vom ersten Moment an begeistert. So viel italienisch angehauchte, liebevoll erhaltene Altbausubstanz und mondäne Repräsentationsgebäude, malerisch verwinkelte Kopfsteinpflastergässchen aus dem 13. Jh., Patrizierhandelshäuser, Schlösser und Burgen, Hafenanlagen und Kieze, Gruenanlagen und Plätze. Alles verteilt auf wohl 30.000 (das behauptet der Stockholm Guide!, besucht haben wir vielleicht fuenf) Inseln, vernetzt durch grosse, kleine, krumme und gerade, schmale und breite, hölzerne, steinerne, eherne, Fussgänger-, Radfahrer- und Autobruecken. Das Venedig des Nordens, die Perle Skandinaviens ist unbedingt eine Reise wert!

18.04.2010 | 1000 mal 1000 Meter bis Kopenhagen

Nach zweieinhalb Wochen Fahrt durch Deutschland und über die Inseln Dänemarks sind wir in Kopenhagen gelandet und haben dabei auch den 1000. Kilometer absolviert. Bildschöne Landschaften haben wir passiert, wenngleich sie hier im Norden auch noch sehr winterlich anmuten - es gab Nachts gern immer wieder mal Frost. Beinahe permanent pedalierten wir seit Schleswig Holstein gegen den böigen Nordostwind welcher unsere Räder wie kleine Schiffchen auf hoher See hin und her drückte. Aber die Gesichter und Hände sind knackig braun geworden denn die Sonne war fast immer mit uns. Das Zelten klappte recht gut auch wenn man eine Weile suchen muß, denn es gibt in Dänemark kein Jedermannsrecht und das Land ist sehr stark landwirtschaftlich genutzt und damit überall eingefriedet. Aber die Menschen sind allgemeinhin sehr hilfsbereit und freundlich, gestern haben wir Freunde in Kopenhagen erreicht die uns beherrbergen und uns die Stadt zeigen. Morgen geht es dann über die Brücke nach Malmö, wieder auf's Festland wo uns Wetter.com Tageshöchsttemperaturen von 6°C bis Mitte Mai prognostiziert...die Wintersachen bleiben also noch im Gepäck! Das Gute am Wind und Kälte ist das wir kaum mit Mücken und Co. kämpfen müssen, aber langsam dürfte es etwas wärmer werden, im Zelt herrschen nachts zwischen 4 und 6°C. Wir härten gerade ganz schön ab, genießen aber jede Minute on the road und bewegen uns langsam, aber stetig in Richtung der nordischen Wälder, glasklaren Seen, brünftigen Elche und Mittsommernacht.

03.03.2010 | Abschied feiern am 28.03.2010!

Bevor wir uns am 28. März endgültig in die Sättel schwingen können gibt es noch allerhand zu tun. Wir entschlacken radikal unser Leben hier in München mit Blick auf das vor uns liegende Jahr. Die Jobs und Wohnung sind gekündigt, allerhand Bürokratie gilt es zu erledigen, Um- und Abmeldungen, Krankenversicherung und Impfungen, Kontoverkehr und Reiseschecks, Umzugswagen und Möbeldepot, alles durcheinander und 1000 Dinge gleichzeitig. Doch die Vorfreude ist riesig und die Spannung auf die Tage die da kommen wächst mit jedem Augenblick.
Und das wollen wir auch feiern: am 28. März 2010 im Rahmen des alljährlichen BDO Feldtests an der Galopprennbahn Scheibenholz im Clara Zetkin Park, Leipzig. Wir freuen uns auf euch!

02.03.2010 | Vorfreude, schönste Freude…

Noch ist tiefster Winter in Deutschland und von Urlaubsstimmung kann keine Rede sein. Wir bibbern auch, aber das weniger vor Kälte sondern vor Aufregung und Spannung. Nur noch wenige Wochen bis die letzte Packtasche fertig gepackt sein muss, notwendige Visa beantragt sind, die letzten Impfungen verabreicht, und und und…

Die Fahrräder sind bis auf wenige Details fertig zum Aufbruch, auch die Ausrüstung ist beinahe komplett. Den neuen Omni-Fuel Kocher haben wir daheim fröhlich-fackelnd ausprobiert, das größere Zelt wurde zusätzlich an den Nähten silikonisiert und trocknete 2 Tage in unserem Wohnzimmer, Camping wie zuhause also. Nun lauern auch die organisatorischen Wege: Wohnung und Job kündigen, Umziehen, Behördengänge, Krankenversicherung, unzählige An-, Um- und Abmeldungen. Wir verabschieden uns innerlich auch ein bisschen von München und unseren Freunden und Arbeitskollegen hier. Aber alle fiebern jetzt schon mit und das motiviert ungemein!

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